Seelentöne

Warum klassische Musik uns glücklicher und klüger macht, erklärt Kent Nagano in seiner „wundervollen“ Autobiografe.

Kent Nagano
Sein Kosmos, seine Sprache, seine ganze Existenz ist die Musik. Das zeigt sich nicht nur beim (teils deutsch, meist englisch, oft französisch geführten) Gespräch mit Kent Nagano im romantischen niederösterreichischen Weinort Grafenegg, wo der Stardirigent später ein großartiges Konzert geben wird.

Kent Nagano Autobiographie
Auch in dem Buch „Erwarten Sie Wunder!“ (Berlin Verlag, 22,90 Euro), das der 62-Jährige zusammen mit der Publizistin Inge Kloepfer geschrieben hat, gibt die Musik den Ton an: Es ist keine herkömmliche Autobiografe über Lebens- und Karrierestationen, sondern eine künstlerische Entwicklungsgeschichte. Energisch fordert der Maestro darin von der (Kultur-)Politik einen egalitären Zugang zur Klassik und musikalische Früherziehung quasi als Grundrecht für alle. So wie er selbst sie als Kind im kalifornischen Morro Bay an der Pazifkküste erlebte.
Gabetta
Wie tausend Sonnen

Sol Gabetta über ihre Vision von exzellenter Musik


Die Eltern – beide Naturwissenschaftler, beide aus japanischen Einwandererfamilien – legten Wert auf Hausmusik. Doch nicht ihnen ist das erste und persönlichste Kapitel des Buches gewidmet, sondern dem georgischen Musiker Wachtang Korisheli, der vor Stalin in die USA gefohen war und als Grundschullehrer dafür sorgte, dass der junge Kent neben dem Surfboard Klavier und Klarinette beherrschen lernte. Damit legte er die Saat für Naganos späteres Musikstudium an der University of California, den ersten Dirigentenposten in Boston, den triumphalen Aufstieg als Musikdirektor in Lyon, Man- chester, Berlin, München und ab September 2015 dann in Hamburg.

"Erwarten Sie Wunder!"

„Es liegt in der menschlichen Natur, auf Unerwartetes zu reagieren. Und genau das ist es, was die klassische Musik uns bietet“, sagt Kent Nagano und gestikuliert dabei so elegant, als hielte er den Taktstock. Dem Kern seiner Kunst spürt er in „Erwarten Sie Wunder!“ in Annäherungen an die Werke seiner Lieblingskomponisten und in Hommagen an Mentoren wie den Franzosen Olivier Messiaen und den Amerikaner Leonard Bernstein nach. „Mir geht es um das, was zwischen und hinter den Noten liegt“, betont er. „Mit ‚Wunder‘ meine ich das Staunen, das klassische Musik in uns hervorruft, und die Heilkräfte, die in ihr schlummern.“

Spirituelle Tiefenerfahrungen, über die er am Ende des Buches in Gesprächen mit Politikern wie Helmut Schmidt, Kardinal Reinhard Marx, dem Schriftsteller Yann Martel, Hollywoodregisseur William Friedman, der Astronautin Julie Payette und dem Neurowissenschaftler Daniel Levitin philosophiert. Letzterer vertritt die Tese, klassische Musik erzeuge kognitiv neue Nervenverbindungen im Gehirn. „Sie befähigt uns, für Momente über den normalen dreidimensionalen Raum hinwegzufiegen“, erklärt Kent Nagano fast beschwörend. „Ein wahrer ‚Mind Opener‘, der jeden von uns zu Geistesblitzen auf den verschiedensten Gebieten inspirieren kann.“


Friederike Albat