Karl Lagerfeld im Interview

Schneller, direkter, ehrlicher: ein Interview von Madame-Chefredakteurin Petra Winter mit dem Großmeister der Mode, Karl Lagerfeld, über Pelz, Privatsphäre & Perfektion.

Karl Lagerfeld Interview

Im Interview spricht Karl Lagerfeld über Pelz, Privatsphäre & Perfektion.

Seit fast 50 Jahren arbeiten Sie für die Marke Fendi ...
Seit genau 49. Das ist ein Weltrekord!

Wie würden Sie Ihre Beziehung zu Fendi beschreiben? Was fasziniert Sie an der Marke?
In gewissem Sinne habe ich die Marke Fendi erfunden. Ich hab die Initialen "FF" gemacht und das modische Image vorgegeben. Vorher war das ein Pelzgeschäft mit sehr klassischen Pelzen. Die Zusammenarbeit mit den fünf Schwestern war immer toll bis zum Verkauf an LVMH. Hat alles bestens geklappt. Jetzt investiert Bernard Arnault, das kriegen Privatleute gar nicht so hin, dass sich ein Unternehmen weltweit so entwickeln kann.

Das Fendi-Logo "FF" steht für "Fun Fur". Mussten Sie den Frauen damals schon sagen, dass Pelz keine schwere, ernste Angelegenheit ist?
In Italien galt es lange als ein Zeichen von Wohlstand, wenn man einen schweren, steifen Nerzmantel getragen hat. Eine wohlhabende italienische Frau "comprava una pellicce". Das war ein Statussymbol in dieser Zeit.

Fendi Herbst/Winter 2015
Wie schafften Sie es, dieses Image aufzufrischen?

Schon mal, indem ich das "FF" für "Fun Fur" entwickelt habe. Anfang der 70-er haben wir technisch einen Mordsschritt gemacht. Wir haben Pelz behandelt wie Stoff, haben ihn leichter gemacht.

Sie arbeiten lange mit Ihrem Team. Sind Sie ein guter Chef?

Ich bin kein Chef, weil ich keine Verantwortung haben will. Ich will für die Menschen nicht verantwortlich sein. Ich sage nur immer genau, wer was machen soll.

Wann äußern Sie Kritik?
Kritik gehört zur Arbeit. Ich mache keine Komplimente für Dinge, die nicht 100 Prozent richtig sind. Ich mag nicht hören: "Ich dachte …". Alles muss so gemacht werden, wie ich sage.

Kommt Ihre Kritik direkt oder durch die Blume?
Immer sehr direkt. Ich mache nichts hinter dem Rücken.

Ist die Fendi-Frau eine andere Frau als die Chanel-Frau?
Ja und nein. Ursprünglich war die Fendi-Kundin eine typische Italienerin. Chanel ist Frankreich. Das ist schon ein Grund, die Dinge mit anderen Augen zu sehen.

"Niemand über 40 ist noch jung, aber man kann in jedem Alter unwiderstehlich sein", hat Coco Chanel mal gesagt – stimmt das?
Das ist ein bisschen einfach, so was zu sagen. Aber da keiner 20 bleibt, ist es auch beruhigend.

Wir konnten gerade in Mailand auf den Schauen einen Taschenanhänger aus Pelz, einen Bag Bug, bewundern, der aussieht wie Sie …
Das war eine Überraschung, das wusste ich nicht. Da habe ich mich selbst gewundert.

Wie würden Sie einen perfekten Pelz beschreiben?
Federleicht.

Die ideale Frau, die Pelz tragen sollte?
Die, die die Mittel hat. Es wäre prätentiös zu sagen, jeder hat das Recht, einen schönen Pelz zu tragen.

In meiner Pelzkarriere habe ich das Gefühl von Peinlichkeit nie gehabt
Karl Lagerfeld


Welcher Pelz ist der weichste und schönste, den Sie jemals gemacht haben?
Ich erinnere mich an nichts, kämpfe für eine Art Amnesie, weil ich ja in die Zukunft blicke. Aber ich habe im Fendi-Store in München heute einen gesehen, den ich 1973 entworfen habe. Fand ich witzig. Ich hätte nie damit gerechnet, dass er 40 Jahre später noch da ist.

Gibt es auch peinlichen Pelz?
Die alten von früher, diese schweren, plumpen, die bis auf die Erde gingen. Aber in meiner Pelzkarriere habe ich das Gefühl von Peinlichkeit – offen gestanden – nie gehabt.

Karl Lagerfeld und Petra Winter

Chefredakteurin Petra Winter traf Karl Lagerfeld zum Interview.

Macht Pelz alt?

Heute nicht mehr. Früher ja. Wenn man ihn trägt wie: Ich bin wohlhabend, ich bin eine Dame, dann ja. Aber wenn man ihn wie Jeans trägt, okay. Wer die Mittel hat, Pelz zu kaufen, muss ihn auch nicht so behandeln, als ob der Kauf ihn ruiniert hätte. Das ist spießig.

Sie können nie allein durch Paris, Florenz etc. gehen, ohne dass Menschen Sie mit ihren Handy-Kameras verfolgen …
Stimmt. Ich gehe nirgendwo mehr hin. Nur von der Wagentür zur Tür.

Gibt es Momente, in denen Sie gerne unsichtbar wären?
Leute, die bekannt sind und sich dann beklagen, dass sie erkannt werden, sind lächerlich. Dann hätten sie sich von Anfang an anders benehmen sollen. Dass ich nicht mehr unerkannt auf der Straße spazieren gehen kann, ist nun mal ein kleiner Nachteil.

Ihre effektivste Konzentrationsübung?
Ich lebe die meiste Zeit komplett isoliert in meinen Studios und zu Hause und zeichne.

Ihre beste Eigenschaft?
Ich mache keine Autoanalyse. Mühelos diszipliniert und arbeitsam. Hahaha.

Und Ihre schlechteste?
Ewig schlechte Laune mit mir selber. Bin nie zufrieden, arbeite viel für den Papierkorb.

Interview: Petra Winter

Chanel Haute Couture AW 2014/15