Jan Vogler im Interview

Penne all’arrabbiata und Spargel alla parmigiana sind die kulinarische Basis für ein Gespräch über Ignoranz, lustige Zufälle und wertvolle Momente im Leben des Cellisten. 

Petra Winter im Interview mit Jan Vogler
Weltklasse-Cellist, Intendant der Dresdner Musikfestspiele, künstlerischer Leiter des am 15. August beginnenden Moritzburg Festivals, geborener Ostberliner, Wahl-New-Yorker. Jan Vogler, 51, wusste schon immer, dass das Cello seine große Liebe sein und bleiben wird. Man konnte ihn als Sechsjährigen nachts wecken, ihm ein Cello in die Hand drücken, er spielte wie in Trance für die Gäste seiner Eltern, Intellektuelle, der Vater ebenfalls Cellist mit Schülern aus der Diplomatenszene Berilins. Seinem Bruder, schlank und hochgewachsen, habe man damals eine Geige in die Hand gedrückt, ihm, dem kräftigeren Jungen, das vollbauchige Cello. Von dem pummeligen Knaben ist nichts mehr übrig. Ein schlanker, strahlender Mann betritt den Italiener "Classico Italiano“ gegenüber der Dresdner Frauenkirche, das Interieur mit einer guten Dosis Operetten-Kitsch, viel dunkelroter Samt. 
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Er strahlt, bringt ein Geschenk mit, die CD "Dichterliebe“, Stücke von Robert Schumann, die er 2013 mit "seiner guten Freundin“, der Pianistin Hélène Grimaud, aufgenommen hat. Auch an diesem Tag wird er im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele zusammen mit ihr auftreten und neben Debussy, Brahms und Schostakowitsch seinen geliebten Schumann zum Besten geben. "Einer der am meisten unterschätzten Komponisten“, sagt er. Der schwer zerrissene Mann hätte in einem Takt von himmelhoch jauchzend auf zu Tode betrübt umschalten können. "Diese Ausdrucksspanne ist der Reiz“, sagt Vogler. Sein Cellokonzert habe Schumann geschrieben nach einem Selbstmordversuch.

In dem zu dieser Zeit fast leeren Lokal – wir haben uns früh zum Lunch verabredet, weil sich der Cellist noch ausruhen und dann proben muss – werfen wir einen Blick in die Karte. Vogler entschuldigt sich, dass er hier das erste Mal sei, obwohl Dresden seit mehr als 30 Jahren seine zweite oder dritte Heimat sei. Darum könne er auch nichts empfehlen. Wir sind uns einig, dass sich als Test für die Qualität eines italienischen Restaurants am besten die Penne all’arrabbiata eignen. Davor nehmen wir beide ebenfalls das Gleiche: mit Parmesan gratinierten Spargel. Für ihn nur Wasser, Wein wird es erst am Abend nach dem Konzert geben. Mit dem fantastischen Blick auf den Platz vor der Frauenkirche plaudern wir über seine Lieblingsorte hier, das Boutiquehotel "QF“ gegenüber, den Japaner "Ogura“ im Hilton, wo auch Lang Lang und Gidon Kremer gern speisen und wo er am Abend oft Sashimi und grünen Tee zu sich nimmt. 

Jan Vogler ist jetzt seit sieben Jahren Intendant der Dresdner Musikfestspiele. Gerade hat er um sechs Jahre verlängert. "Ich bin an einem Punkt angekommen, wo ich von der Pflicht in die Kür wechseln kann. Die letzten Jahre war ich damit beschäftigt, alles in Ordnung zu bringen. Die Festspiele waren in einem sehr schlechten Zustand. Jetzt sind wir qualitativ auf höchstem Niveau, es spielen nur noch die besten Orchester und Musiker.“ Als "Kür“ hat er es sich zur Aufgabe gemacht, Dresden als Stadt nach vorn zu bringen. Die Stadt, der er viel zu verdanken hat, zumal er hier als 20-Jähriger seine Karriere als "Erster Konzertmeister Violoncello“ in der Staatskapelle Dresden begann. Er fühlt hier eine alte Liebe zur Kultur, die auch die Nazis und der Krieg nicht ausmerzen konnten. „Hier versteht man, dass Kultur nicht ein nettes Extra, sondern dass sie essenziell ist“, sagt der Künstler voller Nachdruck. „Meine Botschaft ist die von der zerstörten und wieder aufgebauten Stadt, nicht die der Zuckerbäcker-Barock-Stadt.“ Dresden sei eine moderne Stadt mit wunderbarer Lebensqualität.
Jan Vogler in seinem Element

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Neben der Mehrzahl der Dresdner und Sachsen ist jetzt jeder sechste Besucher der Festspiele ein Ausländer. Darum ist ihm auch "das Gebelle“ der Pegida-Demonstranten peinlich, wenn sie jeden Montag durch die Innenstadt ziehen. "Es ist so deprimierend. Die Menschen sollten Spaß daran haben, sich auszutauschen, es sollte ein Glück, ein Geschenk sein, andere Kulturen kennen zulernen. Die Demonstranten versuchen offenbar, ihren grauen Alltag vor den vielen Farben auf der Welt zu schützen.“

Vogler, der lange im grauen Osten eingekerkert war, erzählt von den Erfahrungen, die er auch schon zu DDR-Zeiten als Ausnahmetalent machen konnte. "Die Momente, in denen man aus seiner Komfortzone heraustritt, sind ja nicht immer angenehm. Aber dann kommt der Augenblick, in dem man merkt, wie groß, bunt und reich die Welt ist.“ Zur Veranschaulichung hat er eine Anekdote parat: 1988 sei er mit seinem Cello und einer furchtbaren Migräne in New York angekommen. Dann klaute man ihm am Flughafen noch sein Portemonnaie. Ohne Geld, im Regen: Der Busfahrer nahm ihn netterweise gratis mit in die Stadt. Dort war er an der Juilliard School mit einer Cellistin verabredet, die dann aber leider das Treffen vergessen hatte. Damals, ohne Handy, sei er sich mutterseelenallein vorgekommen. Wie es das Schicksal so wollte, lief ihm an der Juilliard ein netter Musikerfreund über den Weg, der den klatschnassen Jan mitsamt Cellokasten zu sich einlud. 
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"Das war der siebte Himmel“, freut sich Vogler noch heute. "Viele Menschen haben Angst vor der Welt, die kapseln sich lieber ab und richten sich in ihrer kleinen Umgebung ein, denken, dass Ausländer weniger wert sind als sie selbst. So eine Einstellung finde ich nicht verhandelbar.“ Er hält es mit Goethe, der Toleranz nur als eine Brücke zur Akzeptanz bewertete. "Eine andere Lebensweise ertragen reicht nicht“, so Vogler. "Man muss sie auch verstehen wollen. Unsere Musikerwelt ist von jeher eine ideale Weltgesellschaft. Mit den unterschiedlichsten Meinungen, Kulturen, Geschichten. Wir haben eine gemeinsame Sprache, die Musik, und ein tiefes Verständnis füreinander. Das andere ist dabei das Spannende.“ Die Kellnerin rückt mit der Vorspeise an. Auf dem Teller großzügige Lagen Parmesan über deutschem Spargel. Seine Frau, eine Chinesin und Geigerin, hat der Cellist in den USA kennengelernt. Niedergelassen haben sich die beiden in Manhattan. "Die erste Zeit in New York war so schön, weil ich nicht so viel gearbeitet habe. Davor hab ich geackert wie eine Maschine, musste immer funktionieren. Zehn Jahre voller Konzerte, Gremien, Lehrertätigkeit.“ In New York habe er es genossen, mal nichts im Kalender stehen zu haben. 

Er stellte sich die große Frage: "Was will ich überhaupt in meinem Leben in der Musik erreichen?“ Zweifel am Cello hat es nie gegeben. New York habe ihm gezeigt, wie gut es sei, im Jetzt zu leben. Seine beiden zwölf und 15 Jahre alten Töchter – selbstredend, dass sie Violine spielen, seit sie sechs sind – fühlen sich wie New Yorker, er spricht deutsch mit ihnen, seine Frau chinesisch. Im Sommer verbringen sie ein paar Wochen in China und einige Wochen in Deutschland. Wie kommt er, der zwei Drittel des Jahres um die Welt reist, mit der häufigen Abwesenheit von der Familie klar? "Wenn ich nach Hause zurückkehre, muss ich aufpassen, dass ich nicht versuche, alles zu bestimmen. Da brauche ich immer kurz, um herunterzukommen.“ Sein Berufsalltag sehe ja so aus, sagt er fast entschuldigend, dass er alles für sich allein entscheiden könne. Das sei ein großes Glück. Für die Kinder sorge hauptsächlich seine Frau. Das sei aber nie ein Kampf zwischen ihnen gewesen. „Sie ist zwar auch eine Bühnenperson, braucht das aber nicht jeden Tag“, und sie sei phänomenal ausgeglichen. 
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"Ich glaube nicht daran, dass man drei Dinge gleichzeitig gut machen kann. Männer schon gar nicht.“ Wenn er weg sei, füllen ihn seine Aufgaben komplett aus, wenn er zu Hause sei, fühle er absolute Geborgenheit. Mit Freunden wie Hélène Grimaud verbinde ihn eine absolute Nähe. "Wenn ich spiele, gibt es nichts außer der Musik.“ Die Penne all’arrabbiata werden serviert und sind absolut köstlich. Fruchtig-tomatig mit einer leichten Schärfe – und ziemlich viel Knoblauch. Ich denke kurz an meine Sitznachbarn an diesem Abend im Konzert. Jan Vogler freut sich, dass sich heute auch das kulinarische Dresden von seiner besten Seite zeigt. Ein ständiger Kampf um Qualität und um Frische ist auch das Musiker-Business. "Das sind nur 0,1 Prozent, die die Weltspitze von den anderen abheben.“ 

Wenn er heute mal nicht 100-prozentig spiele, sei er aber nicht mehr am Boden zerstört wie früher, sondern versuche, dies als Wegmarke zu nehmen, um weiterzukommen. Seine Form hinge oft von ganz Banalem ab wie Jetlags. Einen besonderen Kick hat seiner Karriere ein neues Instrument gegeben. Sein erstklassiges Montagnana-Cello konnte er dank der Großzügigkeit einer fördernden Institution gegen den Traum eines jeden Cellisten eintauschen, ein Stradivari-Cello, Modell "Forma B“, gebaut 1707, zur Zeit des Barock. 

Der italienische Instrumentenbauer Antonio Giacomo Stradivari aus Cremona hat von dieser Ur-Form des modernen Cellos genau 20 Stück gebaut. Von denen sind heute noch 17 gut erhalten. Mit der "Forma B“ hat der Italiener das ideale Cello erschaffen und damit maßgeblich zu dessen Geburt als Soloinstrument beigetragen. "Du brauchst es als Inspiration“, hatte Voglers Vater noch kurz vor seinem Tod vor zwei Jahren gedrängt. Hat der Musiker nicht ständig Angst um diese millionenschwere Kostbarkeit? "Natürlich“, lächelt er. Auf seinen vielen Reisen bekommt es immer einen eigenen Sitz. 
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Einmal, als er von Berlin nach New York geflogen sei, hätte ihn ein netter "älterer Herr“ auf sein Cello angesprochen. Jan Vogler sei damals sehr müde gewesen, hätte aber trotzdem beobachtet, dass im Abfugbereich eine Frau mit Migräne kämpfte. Um ihr Tabletten anzubieten, bat er den älteren Herrn, kurz auf sein Cello aufzupassen. Im Flugzeug saß das Cello genau zwischen ihm und dem Mann. Sie unterhielten sich blendend. "Ich wunderte mich nur, dass immer wieder Passagiere den Herrn um ein Autogramm baten. Er stellte sich dann irgendwann als Bill Murray vor.“ Die beiden tauschten Telefonnummern aus, Jan Vogler schenkte ihm seine CD mit den sechs Cello-Suiten von Bach. Als Murray dann vor zwei Jahren für den Film "Monuments Men“ in Berlin vor der Kamera stand, besuchte er Vogler für ein Konzert in Dresden. Bis um drei Uhr nachts tafelte man zusammen mit den anderen Musikern. Die beiden Männer haben auch heute noch Kontakt.

Die Bach-Suiten, der heilige Gral der Cellisten: Warum er sich erst so spät an eine Aufnahme gewagt habe, frage ich. "Noch als ich 40 war, war ich sicher, dass ich sie nie zusammen aufnehmen würde“, erinnert er sich. "Ich hatte die Suiten mit unterschiedlichen Lehrern eingeübt. Heraus kam ein ziemlicher Stil-Mischmasch.“ Jahre später drückte er den inneren Reset-Knopf, ging nach New York und nahm die Bach-Suiten in einem Rutsch auf. "In Deutschland wäre alles wieder gekommen, was ich mir früher angeeignet hatte.“ Die CD wurde ein großer Erfolg. Nun hat Vogler mit dem La Folia Barockorchester ein Barock-Album gemacht, die "Concerti di Venezia“. Die Komponisten: Caldara, Marcello, Porpora, Vandini, Vivaldi. Sein Instrument hat er dafür nicht mit Stahl-, sondern mit Darmseiten bespannt. Das klinge weicher, ließe ein schnelleres Tempo zu, das man für die tänzelnden Barock-Stücke brauche. Cello und Orchester verschmelzen zu einem Wogen, Hüpfen, Tanzen. Besonders die Allegri von Nicola Porpora sprühen vor Energie und guter Laune. Rasende Tempi wechseln sich ab mit melancholischen Bassnoten. 

Ich schaue auf seine Hände, die nicht besonders groß sind, eher schlank als muskulös. Die Kuppen der linken Hand sind natürlich mit Hornhaut überzogen, wie auch das Gelenk des rechten Daumens, das den Bogen trägt. Wie trainiert er seine wertvollen Assets? Er übe vier Stunden am Tag – "dann komm ich richtig voran“ –, unter zwei Stunden werde er gar nicht richtig warm. Vogler vergleicht das mit dem Pitcher beim Baseball, der sich 30 bis 60 Minuten einwirft, bevor er den Ball auf eine präzise waagerechte Bahn bringen kann. Ganz langsam und entspannt fängt auch der Cellist täglich an zu spielen und erhöht dann die Kraft und das Tempo. Gern geht er vor dem Spielen auch joggen, damit der Körper warm wird. "Da hat man eine viel bessere Beweglichkeit.“ Oder er macht Hula-Hoop, um die Wirbelsäule zu lockern. "So wie eine Kerze sitzen die wenigsten am Cello, darum muss man den Rücken irgendwie trainieren. Aber vielleicht ist das auch alles Hokuspokus“, meint er lächelnd. 

Er schenkt uns Wasser nach. Die Teller werden abgeräumt. Ein Dessert? Jan Vogler ist wunschlos glücklich. "Mehr schaffe ich heute, vor dem Konzert, nicht.“ Wir sehen uns am Abend in der Semperoper, auf der Bühne sitzt er vor dem eisernen Vorhang, hinter ihm der Flügel mit Hélène Grimaud. Sie ist eine kraftvolle Pianistin, das Spiel geprägt von Volumen und Dynamik. Mittags hatte er gesagt, dass er ihr hundertprozentig vertraue und dass es nie ein Wettstreit gebe, wer am lautesten spielt. Die Harmonie der beiden ist sicht- und hörbar. Es gehe immer um Schönheit, hatte Vogler noch gesagt, das sei das Ziel seiner ganzen Arbeit und fasziniere ihn, je älter er werde, immer mehr.