Lunch mit: Iris Berben

Bei Dim Sum und Sashimi spricht MADAME-Chefredakteurin Petra Winter mit der großen Schauspielerin über Komik und Tragik des Älterwerdens, über ein Leben in Treue zu sich selbst und Akte gewollter Disziplinlosigkeit.

Iris Berben
Die Patriarchin, die Clan-Chefn, die Diva. So kennt man Iris Berben aus ihren großen Rollen, als Evelyn von Guldenburg von 1986 bis 90, als Elisabeth Buddenbrook 2008, zuletzt als Cosima Wagner. Streng, diszipliniert, unnachgiebig - auch ihre Karriere ist von dieser Haltung geprägt.

Sitzt man der Schauspielerin gegenüber, fällt zuerst die mädchenhafte Stimme auf. Die dezent geschminkten braunen Augen unter langen Wimpern. Das feine Gesicht mit den hohen Wangenknochen und dem etwas schiefen Mund. Iris Berben ist eine Erscheinung: elegante, schwarz-weiße Chiffonbluse, schwarze Hose, halbhohe Pumps, an den Ohren Onyx-Steine, am Handgelenk eine "Tank" von Cartier mit Brillanten.

Wir sind zum Lunch verabredet, um über ihren Kinofilm "Miss Sixty" zu sprechen, eine Komödie. Ihre Wahl fiel auf den "China Club" nahe des Brandenburger Tors. "Seit zehn Jahren ist Berlin mein Lebensmittelpunkt", erzählt sie. Neben dem "Einstein Unter den Linden" geht sie gern hierher. Die Sonne scheint kräftig in die ledergepolsterte Nische, in der wir sitzen. Blendet die Sonne Sie, Frau Berben? "Nein, alles fein", sagt sie.

Die Kellnerin kennt ihre Gewohnheiten und warnt sie fürsorglich vor dem Schweinefleisch in den Appetizern, die bereits auf dem Tisch warten. Dass sie lieber mit Holz- statt mit Silberstäbchen isst, hat die Kellnerin offenbar an diesem Tag vergessen. Am Abend vor unserem Treffen lief im ZDF "Der Wagner-Clan. Eine Familiengeschichte" mit Berben in der Hauptrolle - mit überschaubarer Quote. Ihrer Laune kann das nichts anhaben, konzentrierte sie sich doch schon wieder auf ihr nächstes Baby, die Komödie "Miss Sixty".

Darin spielt die zum Zeitpunkt des Interviews 63-Jährige eine Molekularbiologin, die in ihrem Kollegenkreis äußerst unbeliebt ist. Als sie einer Mitarbeiterin den Daumen bricht, wird sie von ihrem Chef in den Vorruhestand versetzt. Er: "Du hast in all den Jahren hier keinen einzigen Freund gewonnen." Sie: "Wir sind ja hier auch nicht bei Facebook." Schlagfertig und sehr komisch spielt Iris Berben diese Frau, die als Rentnerin noch mal schwanger werden möchte. Mithilfe ihrer eingefrorenen Eier und eines Samenspenders.

Age doesn't matter?

"Ich habe zwar viel Erfahrung mit Komödie, aber seit Jahrzehnten keine mehr gemacht", sagt sie, und man erinnert sich an ihre "Sketchup"-Zeit an der Seite von Diether Krebs Mitte der 1980er-Jahre. Schaut man sich auf Youtube Ausschnitte daraus an, fällt auf, wie treffsicher, vielseitig und komisch die beiden Schauspieler sind. "Ich hasse das Wort zwar, weil es inflationär gebraucht wird, aber 'Sketchup' ist Kult geworden", resümiert Berben. "Ich treffe heute noch Menschen, die Sketche von damals nachspielen können."

Ein Kellner kommt und nimmt die Bestellung auf. "Ich bleibe ja immer beim Gleichen", sagt sie lächelnd und bestellt drei Vorspeisen: Dim Sum mit Chinakohl, Thunfisch-Sashimi und Frühlingsrollen mit Garnelen. Bis auf die Dim Sum esse ich das Gleiche und bestelle noch einen Salat mit gehacktem Hühnerfleisch dazu. Der Kellner fragt nach, ob wir Wein trinken. "Wir haben heute noch so viel vor, besser nicht", entgegnet sie. Wir bleiben also beim Mineralwasser mit Kohlensäure.

Zurück zum Thema: In "Miss Sixty" dreht sich alles ums Älterwerden. Ein Thema, das man mit Humor nehmen, aber das auch wehtun kann. "Age doesn’t matter" liest man gerade oft. Mich interessiert, ob Iris Berben das genauso sieht. "Ich kann das nicht unterschreiben. Das kommt immer von denen, die noch nicht alt sind. Aber was stimmt, ist, dass wir heute mit dem Altern anders umgehen. Frauen können - ohne sich lächerlich zu machen - zum Beispiel einen anderen Kleidungsstil haben als früher." Hasst sie es, auf ihr Alter angesprochen zu werden? "Ich altere öffentlich, andere nehmen daran teil. Ich würde souveräner damit umgehen, wenn man mich nicht ständig darauf ansprechen würde." Iris Berben wägt ihre Worte sehr genau ab. Sie denkt, bevor sie spricht. Ihr Blick ist sanft und fest zugleich, er wandert aus dem Fenster. Von ihrem Platz hat die Schauspielerin freie Sicht auf das Stehlenfeld des "Denkmal für die ermordeten Juden Europas".

Wortschöpfungen wie "Best Ager" möge sie gar nicht. Und erst recht keine Sätze wie "die sieht für ihr Alter ja immer noch gut aus". "Das bringt mich zur Weißglut." Ihre zarte Stimme wird kräftiger: "Das ist eine wirkliche Beleidigung! Was soll denn so ein Satz bedeuten? Dass man im Alter nicht mehr vorhanden ist? Es ist schrecklich, in einem Geschäft zu stehen, was anzuprobieren, und dann kommt eine dieser jungen Verkäuferinnen und sagt: 'Das können Sie aber noch tragen.'Da möchte ich schreien!" Hier im "China Club" lacht Iris Berben stattdessen lieber. "Es hat doch nichts damit zu tun, dass ich es tragen KÖNNTE, sondern, dass ich es tragen WILL", sagt sie.
Ein Satz wie 'Die sieht für ihr Alter ja immer noch gut aus' bringt mich zur Weißglut
Iris Berben


Unsere Bestellung wird gebracht mit dem Hinweis, welche Speisen etwas schärfer sind. Berben quittiert das schmunzelnd: "Ich esse gern scharf. Manche Menschen, die zu mir zum Essen kommen, fragen schon, ob sie nicht erst zur Nachspeise erscheinen dürfen." Ob ihr das Älterwerden Angst macht? Sie kaut genussvoll. "Ja. Aber es geht nicht darum, der Jugend nachzutrauern. Ich werde jetzt 64 Jahre alt, und es macht mir was aus, dass ich mich weniger schnell bewegen kann, ich merke, dass ich schneller erschöpft bin, aber der Kopf will weitermachen."

Ihre Hände fiegen durch die Luft, Hände, die gepflegt, aber nicht verhätschelt sind: kurze Nägel, Klarlack. "Ich bin nicht immer so souverän wie heute, an manchen Tagen ist man verletzbarer, dünnhäutiger. Man wünscht sich, den sichtbaren Alterungsprozess aufzuhalten. Aber eines Tages lässt man es einfach zu." Besonders zu schaffen habe ihr bei der Sichtung des Films "Miss Sixty" gemacht, dass manchmal ihr Hals nicht mehr schön aussehe. "Ihr habt mich nicht besonders lieb", beschwerte sie sich darauf bei ihrer Regisseurin Sigrid Hoerner - halb im Spaß, halb ernst. "Ganz früher hat mir mal jemand gesagt, 'Vergiss nicht, den Hals und das Dekolleté einzucremen.' Da habe ich geschmiert und gemacht, aber es nutzt nichts ..."

Was ihr hingegen mit dem Älterwerden Freude bereite, ist, dass sie sich der Narrenfreiheit wieder annähere. "Die Neugier, die Unbändigkeit, die Haltung einer 18-Jährigen: Was habe ich zu verlieren? Das kann ich aber auch nur sagen, weil ich auf eine Menge zurückblicke, weil ich weniger Kompromisse machen muss und ich mir aussuchen kann, welche Rolle ich als Nächstes spiele."

Altern Männer anders als Frauen? Ihre Filmfgur in "Miss Sixty" zupft sich ein Barthaar aus - eine Steilvorlage, um mit Iris Berben über die sichtbaren Ärgernisse des Alterns zu sprechen: hängende Brüste, Altersfecken, Falten. "Wenn ich mich darüber aufregen würde, könnten meine Lippen schnell schmal werden - und wir wollen sie ja nicht aufblasen", lacht sie. Und noch so ein kritisches Thema: Altern Männer anders als Frauen? "Ich glaube nicht, dass einem Mann gegenüber jemals der Satz fällt: 'Sie sehen aber gut aus für Ihr Alter.' Das unterscheidet Männer von Frauen. Da können wir noch so klug, witzig und erfolgreich sein. Bei Männern geht das Älterwerden immer mit dem Klischee einher: älter gleich interessanter." Und dann kommt ein Satz von Iris Berben, den man unterstreichen möchte: "Ein Mann kann gar nicht zu alt sein für eine junge Frau. Aber es hat sich noch nicht herumgesprochen, dass es auch umgekehrt so sein könnte."

Berben selbst lebt seit sieben Jahren mit dem zehn Jahre jüngeren Heiko Kiesow zusammen, hat also mit gutem Beispiel voran die Verhältnisse umgedreht. Berbens Figur in "Miss Sixty" will mit 60 noch ein Baby bekommen. Die reale Iris Berben brachte 1971 mit 21 Jahren Sohn Oliver in München zur Welt. "In den Siebzigern allein mit Oliver, das war nicht leicht. Die Zeit war ja moralisch total verkrustet. In jedem Amt, auf das ich musste, wurde ich mit spitzen Fingern behandelt. Da war es ja schon schlimm, wenn man Schauspielerin war - und dann noch mit einem unehelichen Kind." Sie hat immer selbst für sich und ihren Sohn gesorgt, hat Kind und Karriere gleichzeitig gehabt. Das Verhältnis von Iris und Oliver Berben wird oft als symbiotisch beschrieben. Er produziert viele ihrer Filme. "Wir haben nie diesen Abnabelungsprozess gehabt", beschreibt sie ihre Beziehung. "Oliver ist von Anfang an mit mir gereist, war stets bei den Dreharbeiten dabei. Meine ersten Gagen gingen für das Kindermädchen drauf. Als er dann die letzten drei Jahre Schulzeit auf ein Internat gehen wollte, fiel mir das schwer. Ich habe versucht, in der Zeit, die wir miteinander hatten, 200 Prozent da zu sein."

Die Schauspielerin selbst hat ihre Internatszeit gehasst, flog von mehreren Schulen. Wie passt das ins Bild der ehrgeizigen und erfolgreichen Frau? "Das war eine andere Zeit, in der Internate sehr streng waren. Ich bin als Freigeist aufgewachsen. Meine Mutter war eine sehr selbstbestimmte Frau, die mir das so vorgelebt hat. Wenn du plötzlich gesagt bekommst: 'Du musst gehorchen', ist das das Gegenteil von der Art, wie ich erzogen wurde."
Ich suche mir schon immer wieder Gelegenheiten, um eine große Disziplinlosigkeit zu üben!
Iris Berben

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Sie ist sich selbst, in ihrem Leben und in ihrer Karriere, immer treu geblieben. Das, woran sie glaubt, ob Menschen oder Projekte, verteidigt und liebt sie vehement. "Ich habe das ja nicht absichtlich gemacht, das wurde mir erst später bewusst, als die 68er diese rebellische Haltung mit Leben gefüllt haben. Da musste man so sein, um sich Gehör zu verschaffen. Mich hat das politisch geleitet." Ihr ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit sorgt auch dafür, dass sie sich über die heutige Situation von Frauen ärgert, die Kinder und Karriere vereinbaren wollen. "Dass diese Frauen sich die Frage stellen: 'Will ich dann auf meinen Mann angewiesen sein?', ist ungeheuerlich. In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich, dass wir uns darüber Gedanken machen müssen? Der Mann macht trotz Kindern nahtlos weiter Karriere, die Frau nicht ..." Am schlimmsten sei aber die Kritik von Frauen untereinander: "Wenn du Karriere machst, bist du eine Karrierehexe, wenn du beim Kind bleibst, bist du das Hausmütterchen. Das ist eine Diskussion wie in den 50ern - und sie blüht wieder!"

Wir überspringen das Dessert, nehmen einen Espresso. Auf die Frage, ob alles recht war, antwortet sie mit einem "Wunderbar, mehr als man schaffen kann." Am Thema Frauen, Kinder und Karriere bleiben wir noch dran. Woran es liege, dass sich viele Frauen gegen den Job entscheiden, möchte ich von Iris Berben wissen. "Bequemlichkeit? Die vielen Möglichkeiten? Das macht es vielen schwer: Wer bin ich? Wo will ich hin? Darüber habe ich mit 18 Jahren auch nachgedacht. Nur die Vielfalt gab es damals nicht. Heute wird es einem, glaube ich, leichter gemacht, sich in eine Komfortzone zurückzuziehen."

In ihrer Kinorolle begibt sich Iris Berben sehr weit aus ihrer Komfortzone, indem sie (rauchend!) mit einem falschen Babybauch herumläuft und die Reaktionen ihrer Mitmenschen testet. Was hat ihr an dieser Frau am besten gefallen? "Deren Schnelligkeit im Kopf, deren Witz. Ich mag Sätze wie 'Willst du 150 werden?!', als über meinen Filmpartner Edgar Selge gesagt wird, er sei in der Midlife-Crisis. Dieser trockene, leicht angedüsterte Humor. Ich mag die Provokation, und (sie lächelt schelmisch) was auch toll war: Ich konnte die ganze Zeit rauchen! Die schönen Dinge im Leben, die mache ich auch heute noch."