Große Freiheit

Verspielt, fantastisch, herrlich unvernünftig: Giambattista Valli ist ein Meister opulenter Inszenierung und feiert damit die Weiblichkeit. Im Interview verrät der Designer, was wahre Schönheit ausmacht und was er von seinem Mentor Roberto Capucci gelernt hat. 

Giambattista Valli feiert dieses Jahr das zehnjährige Jubiläum seines Labels

Giambattista Valli feiert dieses Jahr das zehnjährige Jubiläum seines Labels

Großmeister der Haute Couture
"Er kann mit seinen Händen arbeiten wie ein Künstler. Er braucht keine Schere“, meinte Silvia Venturini Fendi einmal. Gemeint war Giambattista Valli. Seine traumhaften, poetischen Kreationen aus Organza und Seide verwandeln Frauen in Prinzessinnen. Seine Entwürfe kommen mal süß und fragil daher, mal wie abgezirkelt und avantgardistisch. Er war einer der ersten Designer, dessen Entwürfe nach einer allgemein sehr nüchternen Phase des Prêt-à-porters nach Couture aussahen: mit Kaskaden von Stoffblüten übersäte Kunstwerke. Sein Know-how erarbeitete sich Giambattista Valli bei Roberto Capucci, Fendi und Krizia, bevor er 1997 zum Fashion Director von Emanuel Ungaro ernannt wurde. 2005 baute er aus eigener Kraft sein Label auf. Außer seinen eigenen Kollektionen, das sind meist 14 pro Jahr, entwirft der 49-jährige Römer auch für die Luxuslinie Moncler Gamme Rouge.
Giambattista Valli im Interview MADAME: Sie sind ein großer Fashion-Enthusiast. Was lieben Sie an der Mode besonders?

Giambattista Valli: Man kann nur in der Mode arbeiten, wenn man voller Begeisterung dafür ist. Dass ich sie liebe, kann ich nicht sagen, aber es gefällt mir, dass ich meine Leidenschaft ausleben kann. Am allermeisten mag ich an diesem Beruf, dass er ein eigenes Verständnis von Kreativität hat und dass es keine Grenzen gibt, in keiner Hinsicht. In der Modebranche kann man seine ethnische Identität, seine Religion, Nicht-Religion, Sexualität, Nicht-Sexualität, was auch immer, ausdrücken. Niemand in der Szene würde einen deswegen beurteilen, nur dafür, wie talentiert man ist. Die Modewelt ist für mich so etwas wie eine echte Demokratie, echte Freiheit.

Was haben Sie von Ihren Mentoren gelernt?

Von Roberto Capucci habe ich vieles gelernt: die Qualität der Unabhängigkeit, Mensch zu sein, und dass man mit Frauen respektvoll umgehen soll. Er sagte stets: "Giambattista, vergiss niemals, dass eine Frau potenziell immer eine Mutter ist.“ Er mochte es nicht, wenn Kreationen zu vulgär oder provokant sexy waren. Die Fendi-Familie hat mir gezeigt, dass nichts unmöglich ist.
Eine spektakuläre Haute-Couture-Robe des Designers

Eine spektakuläre Haute-Couture-Robe des Designers


MADAME.de: Was prägte Ihren Sinn für Ästhetik?

Giambattista Valli: Meine Neugier.

Ihre Definition von Schönheit?

Schönheit hat nichts mit der Physis zu tun, sondern mit der Geisteshaltung. Eine Frau ist schön, wenn sie Verstand hat und eine ausgeglichene Persönlichkeit ist und wenn sie mit sich selbst und ihrer Weiblichkeit im Einklang ist.

Und doch sind es die Äußerlichkeiten, die eine Frau schöner machen. Apropos: Warum haben Sie für MAC nun Lippenstifte kreiert?

Weil es für mich kein besseres Beauty Tool gibt, um seine Persönlichkeit am besten auszudrücken.
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Warum wurde die typische schwarze Verpackung durch Knallfarben ersetzt?

Da ich kein Designer bin, der Angst vor Farben oder Verzierungen hat, war schnell klar, dass meine Fetischfarben wie Rot, Pink und Koralle nicht fehlen dürfen. Darüber hinaus wollte ich, dass Frauen einfach in ihre Tasche greifen können und ohne den Stift zu öffnen die richtige Lippenfarbe in der Hand haben.

In Afrika gilt Rot als Farbe des Lebens. Was assoziieren Sie damit?

Sie ist Teil meiner Kultur. Italien ist voll mit unendlich vielen Rottönen. Hinzu kommt, dass ich im Vatikan zur Schule gegangen bin. Die purpurfarbenen und violetten Gewänder der Kirchenleute haben sich in mein Gedächtnis eingeprägt.

Würden Sie Ihr Label gern um eine Beauty-Linie erweitern?

Absolut. Dieser sehr private Augenblick: Eine Frau sitzt vor dem Spiegel, legt Make-up auf, das Kleid hängt neben ihr ... Das Spannendste für mich ist nicht der Moment, wenn sie das Kleid überstreift, sondern wenn sie sich darauf vorbereitet.

Was befindet sich derzeit auf Ihrem Moodboard?

Ich bin kein Fan davon. Das ist mir zu didaktisch. Früher kam das öfter vor, und auch jetzt erstelle ich ab und an noch Moodboards, damit mein Team versteht, was in meinem Kopf so vor sich geht. Und da ist viel los. Wenn ich auf Ideensuche bin, passiert in meinem Kopf ein mentaler Autounfall. Zwei gegensätzliche Ideen prallen aufeinander. Resultat: eine völlig neue.

Was machen Sie, wenn Sie mal eine Kreativitätskrise haben?

Das kommt sehr selten vor. Meist ist eher das Gegenteil der Fall: Ich habe zu viele Ideen. In einer Krise nütze ich meinen "Security Exit“, das heißt ich widme mich meinen Lieblingsthemen: Kunst, Philosophie und Literatur. Ich ziehe mich in meine eigene innere Welt zurück, das kann auf Reisen, in einer Ausstellung oder zu Hause sein. Ich höre Musik, liege im Bett und lese.

Wer ist Ihr persönlicher Held?

Mein Vater. Wir haben einander erst spät entdeckt. Wir waren so etwas wie zwei Unbekannte. Ich bin meinem Vater sehr dankbar dafür, dass er immer an meiner Seite war.

Nadine Hippler