Gesetzlicher Menstruationsurlaub wird Realität

Es klingt zu schön um wahr zu sein: Italien könnte das erste europäische Land sein, das Frauen bezahlten Urlaub aufgrund von Menstruationsbeschwerden gewährt.

Frau Bauchschmerzen

Wenn Menstruationsbeschwerden zur Berufsunfähigkeit führen können

Bezahlter Menstruationsurlaub in Italien

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Unsere Autorin hält nichts von dem neuen Hygiene-Trend

Der Gesetzesentwurf sieht vor, dass Frauen, die regelmäßig unter derart starken Krämpfen oder Blutverlust (Hypermenorrhoe) leiden, dass ihnen eine ärztliche Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigung zusteht, drei Tage im Monat bezahlten "Menstruationsurlaub" bekommen können.

 
"Es hat sich gezeigt, dass Frauen, die während ihrer Periode unter starken Schmerzen leiden, in dieser Zeit unproduktiver sind", argumentiert Simonetta Rubinato, eine von vier italienischen Politikerinnen, die den Gesetzesentwurf vorgebracht haben. "Wenn wir ihnen in dieser Zeit einen Abwesenheits-Anspruch zusprechen, werden diese Frauen nach ihrer Rückkehr viel produktiver sein."

In einigen asiatischen Ländern wie Indonesien, Japan, Taiwan, Südkorea oder Indien ist der Anspruch auf bezahlten Menstruationsurlaub bereits Realität.


Feministisch oder diskriminierend?


In den sozialen Medien wird der Gesetzesentwurf lautstark als Schritt in die richtige Richtung gefeiert, aber es gibt auch Kritiker. Ein "zusätzlicher" gesetzlich verankerter Urlaubsanspruch von drei Tagen im Monat nur für Frauen – mit 36 Tagen deutlich mehr als der durchschnittliche Jahresurlaubsanspruch eines deutschen Arbeitnehmers - würde nicht nur für Missstimmung im Team, sondern für noch mehr Diskriminierung von Frauen in der Arbeitswelt sorgen.

Werden Frauen selbst 2017 noch im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen schlechter bezahlt, werden seltener eingestellt und befördert, weil der Arbeitnehmer immer im Hinterkopf hat, dass die potentielle Arbeitnehmerin durch Kinderwunsch ausfällt, könnte sich die Stellung der Frau durch ein solches Gesetz noch mehr verschlechtern. Schließlich entstehen dem Arbeitgeber durch den bezahlten Menstruationsurlaub Kosten, die der männliche Bewerber ohne Uterus nicht verursacht.


Menstruation nicht nur ein Frauenthema


Für Menschen ohne Gebärmutter ist der Menstruationszyklus ein eher abstraktes Konzept, das Männer gerne auch mal gegen Frauen verwenden: "Hast du deine Tage, oder was!??". Zu den  Themen Regelblutung und Menstruationsbeschwerden werden genauso wie bei den ominösen Geburtsschmerzen auf dünnster Informationsbasis Platitüden von sich gegeben ("In Kambodscha kriegen sie ihr Kind auf dem Reisfeld und gehen dann wieder arbeiten!" , "Komm, so schlimm kann es gar nicht sein, meine Schwester hatte nie Krämpfe!").

Aber jede Frau, die das Kommen ihrer Periode an den plötzlichen Pickelausbrüchen an Hals und Kinn, den Rückenschmerzen und einer generellen Abgekämpftheit ablesen konnte, die sich während ihrer Tage zuhause im Bett vor Schmerzen gekrümmt, mit Verdauungsbeschwerden ständig aufs Klo gerannt ist und Paracetamol wie Smarties eingepfiffen hat, weiß, dass Menstruationsbeschwerden den Alltag jeder Frau jeden Monat einschneidend beeinträchtigen können.
 

Aber auch wenn wir uns sicher sind, dass wenn Männer menstruieren würden, es nicht nur drei Tage gesetzlichen Urlaub geben würde, sondern eine ganze Woche und außerdem Schmerzmittel und Hygieneprodukte von der Krankenkasse bezahlt würden – befürchten auch wir, dass gesetzlich verankerter bezahlter Menstruationsurlaub Frauen langfristig schlechter stellen würde.

Die öffentliche Debatte über die Anerkennung der tatsächlichen Lebensbedingungen von Frauen ist das Wichtige und verdient Aufmerksamkeit: Es ist bemerkenswert, dass die Hälfte von uns sich nur unter Einnahme von Schmerzmitteln ins Büro schleppt und mit blutenden Genitalien eine Präsentation hält (nicht zu erwähnen Frauen in Berufen, die körperliche Arbeit erfordern) und das Bewusstsein für unsere Lebensrealität muss auch bei Männern geschärft werden.

Wie wäre es denn zum Beispiel mal mit kostenlosen Tampons und Binden? Wenn Viagra von der Kasse bezahlt werden kann…