Fifty Shades of Grey aus Christians Sicht

Das hat uns gerade noch gefehlt: Nach über fünf Jahren Dauer-Penetrierung von Fifty Shades of Grey soll nun die ganze Geschichte noch einmal ausgerollt werden - aus seiner Sicht.

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Shades of Grey - Worum ging es nochmal? Um die vermeintliche Fantasie jeder Frau: Intelligent und in der Selbstwahrnehmung mittelmäßig attraktiv, schafft es die Protagonistin dennoch, einen gut aussehenden, schwerreichen und mächtigen Firmen-Boss um den Finger zu wickeln, der ihr mit allerlei kinky Sexpraktiken nicht nur die Jungfräulichkeit raubt, sondern auch den Verstand. Am Ende ist sie es, die den Wilden zähmt und ihn mit ihrer Güte und Stärke von den Phantomen seiner Vergangenheit heilt.

Natürlich geht es auch um die Erfolgsstory einer britischen TV-Produktionsleiterin, die - besessen von Twilights Edward Cullen - die Dynamik ihres Lieblingsbuchs in einen anderen Kontext setzte, mit erotischen Fantasien rund um BDSM garnierte und unter Pseudonym im Internet die sehr populäre Twilight-Fanfiction Master of the Universe publizierte. So erfolgreich, dass die vom Vorbild bereinigte Version Fifty Shades of Grey zu dem Bestseller 2012 und 2013 wurde, mit weltweit über 70 Millionen verkauften Exemplaren der Fifty-Shades-Trilogie. Allein 2013 verdiente E. L. James 95 Millionen US-Dollar.

Und worum geht es wirklich? Um die für viele Menschen weltweit offenbar überraschende Erkenntnis, dass Frauen sexuelle Fantasien abseits von romantischem Rosenblüten-Sex auf seidenen Laken haben und vor allem, dass sie erotische Inhalte konsumieren und bereit sind, dafür Geld auszugeben.

Buchverlage auf der ganzen Welt verfielen nach einem (langen) Moment ungläubigen Staunens ob des unfassbaren Erfolgs einer Erotikreihe um S&M-Sex in wilden Aktionismus und bewarfen den Markt mit hastig runtergeschriebener erotischer Literatur um arrogante, dominante Männer und Frauen auf der Suche nach der harten Hand. Das Geld lag schließlich auf der Straße.

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Da macht es gar nichts, dass die dargestellte Beziehung zwischen dem erfolgreichen CEO Christian Grey und der jungen, unerfahrenen Studentin Ana Steele eher Unbehagen als aufregende Gefühle verursacht: Ein kontrollsüchtiger Mann, der keine Grenzen vor Privatsphäre und persönlicher Autonomie kennt, wurde schließlich schon in Twilight als Inbegriff der Romantik gefeiert.

Es interessierte auch nur wenige, dass BDSM-Verbände harsche Kritik an den in Shades of Grey dargestellten SM-Praktiken übten und die Beziehung zwischen den Protagonisten als ungesund, missbräuchlich und weit entfernt von ernstzunehmendem Sadomasochismus schimpften. E. L. James gab zu, dass sie selbst keine Berührungspunkte mit der Szene hätte, sondern es sich bei den SM-Szenen in Fifty Shades lediglich um Fantasien handelte. Immerhin hat sie es eigenhändig geschafft, eine oftmals negativ bewertete Sex-Philosophie in den Mittelpunkt des Mainstreams zu rücken. Das haben weder Die Geschichte der O. noch 9 1/2 Wochen vor ihr geschafft.

Shades of Grey: neues Buch

Jetzt legt E.L. James mit einem neuen Roman in der Shades-of-Grey-Serie nach und möchte den Bestseller-Erfolg wiederholen - nur soll die erotische Geschichte diesmal aus seiner Sicht erzählt werden. "Fifty Shades Darker as Told by Christian" soll das neue Werk heißen und der Leserin ganz neue Einblicke in die Abgründe von Christian Greys gepeinigter Seele geben. "Die Traumata aus Greys Kindheit und Jugend sollen Aufschluss darüber geben, wie er zu dem kaputten, fordernden Mann wurde, in den Ana sich verliebt", so James.

Mit der Verbindung zwischen Kindesmisshandlung und späteren sexuellen Vorlieben suggeriert James mal eben, dass Menschen, die BDSM praktizieren, irgendwie krank sind und unter nicht verarbeiteten Traumata leiden. Die Vorstellung, dass es Menschen gibt, die außergewöhnliche Sex-Praktiken oder Rollen-Dynamiken aus Spaß an der Freude genießen, dringt offenbar nicht in ihr zu diesem Thema gänzlich ungebildetem Hirn ein.

Die Frage ist auch: Braucht es gerade wirklich noch einmal eine sehr Marketing-starke Publikation aus dem Fifty-Shades-of-Grey-Kosmos? Die Beziehung zwischen Ana und Christian hat mit ihrem eklatanten Machtgefälle außerhalb des Schlafzimmers und allen Auswirkungen von Kontrollsucht, Stalking und absolut nicht nachahmungswürdigen Sex-Praktiken keinerlei Vorbild-Charakter in einer gleichberechtigten Gesellschaft.

Ist es nötig, noch einmal einen fiktiven Mann in Machtposition als "sexy Traummann" abzufeiern, wenn ein Hollywood-Mogul nach Dekaden des Missbrauchs an Frauen sich endlich für seine Taten verantworten muss und aktuell Tausende von Frauen unter dem Hashtag #metoo zugeben, dass auch sie schon einmal Opfer von sexueller Gewalt geworden sind?

Nichts spricht dagegen, sich in Gedanken oder in der Realität fallen zu lassen und sich der Fantasie hinzugeben, wie es wäre, einmal die Kontrolle abzugeben. Tatsächlich der Ausdruck von absoluter Stärke: Wie stark musst du sein, um den Verlust der Kontrolle auszuhalten?

Ein Mann, der den Arbeitgeber seiner Partnerin aufkauft, sie von ihren Freunden isoliert und ihr Handy überwachen lässt, ist es jedenfalls nicht.

"DARKER – Fifty Shades of Grey. Gefährliche Liebe von Christian selbst erzählt" erscheint im Dezember 2017