Schlag ins Gesicht

Der niederländische Kamerakünstler Erwin Olaf inszeniert Sexualität und Nackheit neu - jenseits von Photoshop und Gefälligkeit. Ein Atelierbesuch in Amsterdam

Erwin Olaf

Der niederländische Kamerkünstler Erwin Olaf

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Manchmal, sagt Erwin Olaf, wache er mitten in der Nacht orientierungslos auf. Albträume säßen dann in seinem Genick. Sie rissen ihn aus dem Schlaf, und in seinem Kopf spuke plötzlich ein erschreckender Gedanke herum: "Erwin, sage ich mir in solchen Momenten, du lebst in einer der größten Blasen der Welt." Erwin Olaf versucht mit seinen Händen, den Umfang der Blase nachzuzeichnen. Doch seine Arme reichen nicht aus, um die Größe wirklich fassbar zu machen. Er steht von seinem Schreibtisch auf und geht bis ans andere Ende seines weitläufigen Ateliers. Hier hat er vor einigen Jahren eine Fotoserie von seinen nächtlichen Albträume geschossen.

Es waren mysteriöse Inszenierungen – hart an der Grenze zum Surrealen: Ein Junge reitet da wie selbstverständlich auf einem riesigen Wildschwein durch ein gutbürgerliches Treppenhaus aus dem Fin de Siècle. Kinder posieren in steifen Kleidern vor den erschreckenden Fratzen Erwachsener. Und immer wieder Menschen, die sich vom Betrachter entfernen oder ihm zumindest den Rücken zukehren.

"Berlin", so der Titel dieser geheimnisvollen Serie, hat damals die Kunstszene aufgemischt. Die düsteren Bilder, die aussahen, als wären sie aus den Schriften Sigmund Freuds emporgestiegen, galten als Meilensteine der "Staged Photography". Ein Genre, das in den 1980er-Jahren mit den Arbeiten des Kanadiers Jeff Wall erstmals die Galerien und Museen eroberte und das heute von jüngeren Fotografen wie Gregory Crewdson oder eben Erwin Olaf neue Welten auszuloten versucht: "Ich mache Bilder, um das auszudrücken, was in meinem Kopf los ist. Meine Kamera nutze ich dabei wie einen Pinsel. Es geht um die Darstellung meiner Innenwelten. Um meine Sorgen, meine Ideen oder eben meine Albträume. Fotografien, die nichts mit mir zu tun haben, könnte ich gar nicht machen.“
Wenn ich mir die Gegenwart so anschaue, dann mache ich mir einfach große Sorgen.
Erwin Olaf

Dass ihn Albträume heimsuchen, mag man gar nicht glauben, denn eigentlich läuft alles bestens in der Karriere von Erwin Olaf. Seitdem er 2004 vom niederländischen Fernsehsender KRO auf die Liste "De Grootste Nederlander" gewählt worden ist – und das gleich hinter der renommierten Malerin Marlene Dumas –, wird er zuweilen sogar auf den Straßen seiner Wahlheimat Amsterdam erkannt. Natürlich, weit vor Erwin Olaf landeten beim damaligen Tele-Ranking Kunstklassiker wie Vincent van Gogh oder Rembrandt van Rijn. Aber auch die zumeist großformatigen Werke Olafs befinden sich mittlerweile in bedeutenden Privat- und Museumssammlungen von Paris bis Hongkong.

Jüngst hat man den geborenen Hilversumer sogar gebeten, eine Ausstellung ("Catwalk", noch bis 15. Mai) im renommiertesten Museum seiner Heimat zu kuratieren: dem traditionsreichen Rijksmuseum am Amsterdamer Museumplein. Erwin Olaf strahlt über das ganze Gesicht. Für ihn scheint das Museumsprojekt das i-Tüpfelchen seiner Karriere zu sein. Keine Frage, der Mann, der jetzt betont lässig in Jeans und blauem Hemd durch ein Gewirr aus Assistenten, Kamerastativen und Kabeln hindurchgeht, hat es geschafft. Ein weiterer Niederländer scheint auf dem Weg in sein eigenes Goldenes Zeitalter zu sein. Bei dieser Vorstellung muss Erwin Olaf lachen: "Ich bin sehr dankbar für die Ausstellung im Rijksmuseum, doch ich habe bereits jetzt ein wenig Angst vor den Kritiken. Vielleicht wurde ich zu reich gesegnet. Äußerlich jedenfalls hat sich meine Karriere fantastisch entwickelt." Warum dann also noch all die schlechten Träume? Und warum die hintergründigen Bilder voller furchteinflößender Harlekine und erdrückender Einsamkeiten?

Ein von Rijksmuseum (@rijksmuseum) gepostetes Foto am


Vielleicht, sagt Olaf, sind innen und außen nicht immer identisch. Wer wüsste das besser als er – der preisgekrönte Fotograf, der seit den frühen 80er-Jahren versucht, sich all seine Frustrationen, Gespenster und sexuellen Fantasien aus seinem Kopf herauszuknipsen? "Der Erfolg ist das eine. Doch manchmal kommt mir die Kunstwelt sehr isoliert vor. Eine Blase eben. Ein Biotop in einer zunehmend chaotisch werdenden Welt." Der sportlich wirkende 56-Jährige, der mit seiner leicht nach oben gestylten Kurzhaarfrisur weit jünger aussieht, als er eigentlich ist, setzt sich auf einen harten Küchenstuhl am hintersten Ende seines Studios. Er trinkt einen Schluck Kaffee und kratzt sich am Nacken. Eine merkwürdige Pause entsteht so während des Sprechens. Der Mann, der sonst voller Ideen und Gedanken zu sein scheint, lässt seine Blicke irritiert schweifen. Sie tasten ein paar seiner älteren Fotografien an den Atelierwänden ab, streifen suchend Espressomaschine und Wasserautomat. Doch die passenden Worte bleiben verloren. "Wissen Sie“, sagt er nach einer ganzen Weile, "wenn ich mir die Gegenwart so anschaue, dann mache ich mir einfach große Sorgen. Nehmen Sie zum Beispiel nur Amsterdam: Die Stadt hat sich extrem verändert."

Seit über 30 Jahren lebt Erwin Olaf in der niederländischen Hauptstadt. Sein Atelier befindet sich im östlichen Stadtteil IJsselbuurt – dort, wo die meisten Grachten längst im Flusswasser der Amstel aufgegangen und die historischen Bauten den dreistöckigen Klinkerhäusern aus den 70er-Jahren gewichen sind. Amsterdam, sagt Olaf, sei nicht mehr die Stadt, die er als junger Erwachsener kennengelernt habe. Alles sei in den letzten Jahren beengter und konservativer geworden. In den frühen 80ern, als er vom kleinen Utrecht in die pulsierende Metropole gezogen sei, da sei das Klima liberal und experimentierfreudig gewesen. "Ich bewegte mich damals vorwiegend in der Alternativ- und Punkszene. Wir glaubten dort, dass es keine Tabus mehr gäbe und dass es in diesem freiheitlichen Geist immer so weitergehen würde."

Ein Strahlen blitzt in seinem Gesicht auf, als er von diesem vermeintlich besseren Gestern erzählt: "Wir feierten die freie Liebe und die Schönheit der Körper." Doch dann kam das große Erwachen, das sicher mit dem 11. September 2001 zu tun hatte. Und auch mit den Morden am rechtspopulistischen Politiker Pim Fortuyn 2002 und dem holländischen Filmemacher Theo van Gogh 2004. "Wenn ich in der heutigen Zeit die Zeitung aufschlage, dann verstehe ich oft die Welt nicht mehr." Und dennoch: Erwin Olaf wirkt kein Stück frustriert. "Man muss immer wieder neu die Liebe zu dem entdecken, was man ist und was man tut."

Ein von Hamiltons Gallery (@hamiltonsgallery) gepostetes Foto am


Für sein jüngstes Projekt "Skin Deep" scheint ihm das bestens gelungen zu sein. "Ich habe mich für diese Serie aus inszenierten Akten extrem reduziert. Ich wollte fotografisch ein Stück zu den Wurzeln zurück. Deshalb habe ich bei den Shootings auch nur auf einen Assistenten, einen Stylisten, zwei Lampen und je ein Model zurückgegriffen." Erwin Olaf weist auf einen großen dunklen Raum jenseits der Tür. Dort befindet sich das eigentliche Studio: Ein nackter Holzfußboden, von den Decken hängen große Scheinwerfer und Softboxen herab, am Boden stehen Stative und Blitzgeneratoren. Alles scheint hier für ein weiteres Shooting bereitzustehen. "Noch ist das Projekt nicht abgeschlossen. In den kommenden Tagen werde ich ein paar weitere Aufnahmen machen."

Im Mai wird Erwin Olaf die Ergebnisse in der Berliner Galerie Wagner und Partner präsentieren. "Skin Deep" sei das Resultat eines langen Suchens und Tastens gewesen. "Ich wollte mich mit den Veränderungen der Gegenwart auseinandersetzen." Deshalb seien in die Serie mehr Fragen als Antworten eingeflossen: Wo ist die Unbeschwertheit hin? Warum haben wir als Gesellschaft plötzlich so starke Vorbehalte gegenüber Nacktheit und Sexualität? Und wie lassen sich im 21. Jahrhundert Haut und Körper überhaupt noch auf eine innovative Weise darstellen?

Eineinhalb Jahre hat Erwin Olaf mit seiner Suche verbracht. "Ich weiß noch immer nicht genau, ob die Bilder auf diese Weise funktionieren. Ich wollte an die großen Aktmaler anknüpfen, zugleich sollten die Bilder frisch und zeitgemäß wirken." Einen ersten Testlauf hat der Fotograf im letzten Jahr in einer Galerie in London gewagt. Der hinterließ bei ihm gemischte Gefühle: "In London habe ich gemerkt, dass der Akt ein heikles
Thema geworden ist. Ich wollte mit 'Skin Deep' die Freiheit der Sexualität feiern. Das ist also weit mehr als ein bisschen nackte Haut. Für mich ist das gerade heute ein politisches Statement. Es geht um das Recht darauf, der zu sein, der man eigentlich ist."
Doch wer genau ist man? Der Mann etwa, der seinen nackten Körper gegen eine Zimmerwand presst und mit seinen Lippen die graue Tapete küsst? Der Männerakt in "Skin Deep" ist ein verstörendes, symbolhaftes Bild: Statt mit dem Kopf durch die Wand scheint hier einer die unüberwindbaren Widerstände der Zeit liebkosen zu wollen. In dieser Aufnahme steckt viel Zärtlichkeit, aber auch Resignation und Einsamkeit.

Ist das also der Eros der Gegenwart? "Kiss the Wall" statt "Freedom, Love and Happiness"? "Mich hat bei der Aufnahme vor allem interessiert, wie eine solche Pose formal aussieht. Ich glaube, derlei hat es in der Kunstgeschichte noch nicht gegeben. Jedes Bild kommt ja aus meinem eigenen Kopf. Meine Akte sprechen meine Sprache. Da kann ich also nicht sagen: 'Mach das Licht doch mal ein bisschen romantischer oder die Szenerie etwas freundlicher.'"

Neulich, erzählt er, habe er auf einer Kunstmesse beobachtet, wie sich eine emanzipiert wirkende Mittvierzigerin über die bildliche Darstellung nackter Frauenkörper beschwert habe: "Solche Aussagen irritieren mich: Der Akt ist eines der ältesten Themen der Kunstgeschichte. Jeder Künstler hat sich daran abgearbeitet – von den Bildhauern der Griechen über Caravaggio bis hin zu Newton oder Juergen Teller. Und jetzt, im 21. Jahrhundert, soll das plötzlich nicht mehr okay sein? Was ist nur mit unserer Zeit los? Es sind doch nur Nackte; Menschen, die sich in ihrem Körper wohlfühlen."
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Der Skandal um die Sexualität ist für Olaf eigentlich nichts Neues. Bereits am Beginn seiner Karriere standen inszenierte Aktaufnahmen. Im Vergleich zu "Skin Deep" aber waren die wesentlich rauer und offensiver. "Damals habe ich noch überwiegend schwarz-weiß fotografiert. Das hat sich stark an den Fotografien Robert Mapplethorpes orientiert. Die Bilder waren hart, punkig und getragen von der schwulen Subkultur der 80er-Jahre." Aus seiner eigenen Homosexualität hat Erwin Olaf nie ein Geheimnis gemacht. Seine allererste Ausstellung in Deutschland hat er 1985 im damals angesagten Berliner Szenetreff "Anderes Ufer" präsentiert. Heute nutzt er seine Prominenz, um sich im niederländischen Fernsehen öffentlich gegen Homophobie auszusprechen oder um bei "Kiss-ins" und Schwulendemos Position zu beziehen. 2010, als die schwulenfeindlichen Delikte in Amsterdam plötzlich um gut 25 Prozent in die Höhe geschossen waren, drohte er öffentlich damit, das Land zu verlassen. Doch mit dem Alter, sagt er, werde man ruhiger. In "Skin Deep" sei der Protest viel subtiler. Natürlich, er sei noch immer einer der "größten Schwulen der Welt". Doch diesmal sei es um den Eros im Allgemeinen gegangen. Alle Facetten des menschlichen Körpers wolle er zeigen.

Erwin Olaf greift vorsichtig zu einem kleinen Stapel farbiger Probeausdrucke, der vor ihm auf dem Tisch liegt: Man sieht darauf einen dicken älteren Herren, der wie ein Obdachloser auf einer kargen Matratze zu schlafen scheint. Auf einem anderen Bild räkelt sich eine klassische Schönheit auf einem abgeranzten Kanapee, und dann wieder steht ein nackter Farbiger in einer Zimmerecke, als würde er sich schämen. Jedes Foto ist eine kleine Gratwanderung. "Ich nutze das Schöne nur, um den Betrachter in meine Bildwelten hineinzuziehen. Und dann, wenn er drin ist, schlage ich ihm mit der Hand ins Gesicht." Seine rechte Hand holt weit zu einem heftigen Schlag aus. Doch dann bleibt sie mitten in der Luft stehen. Ein freches Grinsen legt sich auf sein Gesicht. "Wenn man die Erwartungen nicht bricht", sagt er, "dann produziert man nur Kitsch und Eye Candy. Der Schlag ins Gesicht, das ist das Wesentliche in meiner Kunst."

In der Tat, auch die neuen Bilder teilen Schläge aus. Da ist etwa diese junge Frau, die zwischen Untergewicht und Magersucht auf nacktem Dielenboden hockt; und da sind die vielen ungewohnten Körperverrenkungen, die nichts mehr gemein haben mit dem harmonischen Gleichgewicht des klassischen Akts. "Die Bilder sollten auf keinen Fall an konventionelle Magazin-Fotografien erinnern. Heute ist Nacktheit allerorten so zuckersüß geworden. Aber die Photoshop-Welten haben nichts mit mir zu tun. Ich selbst werde älter und bekomme Falten." Das, sagt Olaf, sei authentisch. Das sei der echte Körper, den es wiederzuentdecken und zu genießen gelte. Er schiebt die Prints und Testausdrucke beiseite und rückt den Küchenstuhl ein Stück zurück. Morgen, sagt er, werde er ein weiteres Shooting machen. Noch sei das "Skin Deep"-Projekt nicht abgeschlossen. Noch sei er weiter auf der Suche. Es müsse einen Ausweg aus der Blase geben. "Ich will wirklich keine politische Kunst machen. Doch ich will mit meinen Mitteln einen sinnlichen Beitrag gegen den beängstigenden Zeitgeist leisten."

Text: Ralf Hanselle

Galleryweekend 2016 Im Rahmen des Galleryweekend Berlin 2016 (29. April bis 1. Mai) zeigt Erwin Olaf bis zum 18. Juni seine Ausstellung "Skin Deep" in der Galerie Wagner + Partner. Artist Talk mit Erwin Olaf und Jurriaan Benschop in der Galerie am 19. Mai um 19 Uhr (auf deutsch).

Erwin Olaf für Ruinart Aufgrund seines Blicks für Perfektion und seines Einfühlungsvermögens wurde auch Ruinart auf Erwin Olaf aufmerksam. Das älteste Champagnerhaus der Welt beauftragte den Künstler mit der Inszenierung der unterirdischen Kreidesteinbrüche und Keller, die bereits in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen wurden. Den Anfang der Zusammenarbeit mit renommierten Künstlern markiert das Jahr 1896, in dem Alphonse Mucha eine spektakuläre Anzeigen-Serie entwickelte. 120 Jahre später lag es an Erwin Olaf, die außergewöhnliche Geschichte jener Kreidekeller mit der Kamera einzufangen.

Bei seiner Arbeit konzentrierte er sich auf die Details, die einerseits durch die prähistorische natürliche Formation entstanden sind, und andererseits auf die Spuren, die der Mensch in dieser Umgebung hinterlassen hat.

Im Rahmen einer Vernissage im me Collectors Room in Berlin feierte Ruinart mit Erwin Olaf und 150 geladenen Gästen, darunter Femme Schmidt, Sara Nuru und Grace Capristo, die Foto-Ausstellung "Light" mit Schwarz-Weiß-Fotografien und einer Video-Installation, die noch bis Sonntag,1. Mai, zu sehen sein wird.
Rainart

Zudem interpretierte Erwin Olaf - inspiriert von Alphonse Muchas berühmtem Champagner-Werbeplakat - auch die klassische Champagner-Kiste von Ruinart neu, mit zarten Kurven, die an die Bilder des tschechischen Künstlers erinnern.