Ikone der Modefotografie: Ellen von Unwerth

Claudia, Naomi, Kate, Rihanna, Christina, Madonna: Die Frauen, die vor Ellen von Unwerths Kamera treten, brauchen keine Nachnamen mehr. Das Portfolio der deutschen Start-Fotografin ist eindrucksvoll. Nicht ohne Grund zählt sie zu den bekanntesten Mode-Fotografen der Welt. Im Interview mit MADAME.de verrät die Künstlerin mit dem ansteckenden Lachen, was ein gutes Model ausmacht, wie viel Französin mittlerweile in ihr steckt  und warum sich die Stars vor ihrer Kamera so hemmungslos fallen lassen. 

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Ellen von Unwerth: Pink Celebration mit Josefine Preuß als Model

Wild, blond, strahlend: Ellen von Unwerth
Die Biografie Ellen von Unwerths liest sich wie eine Romanvorlage: Die gebürtige Frankfurterin verbringt ihre Kindheit in einem Waisenhaus im Allgäu. Mit 16 Jahren geht sie nach München und wird mit ihren wilden blonden Locken vom Fleck weg als „Nummern-Girl“ im Zirkus engagiert. Wenig Zeit vergeht, bis sie dort vom Chef der Modelagentur Elite entdeckt wird. Ellen zieht 1975 nach Paris und arbeitet dort zehn Jahre lang als Model. Durch ihre Beziehung mit einem Fotografen entdeckt sie ihr Talent fürs Fotografieren und erhält kurze Zeit später ihren ersten Auftrag. Als Model für die Werbekampagne des amerikanischen Denim-Label Guess wählt Ellen von Unwerth die damals 17-jährige, bislang unbekannte Claudia Schiffer. Die Kampagne ist ein Erfolg und macht das deutsche Duo über Nacht berühmt. 

Das neueste Projekt von Ellen von Unwerth assoziieren wir sofort mit dem Ort, an dem auch die Karriere der Fotografin begann: in der Zirkus-Manege. Zusammen mit der kindischen Vorfreude auf Kuriositäten und Exotisches haben wir augenblicklich den knackenden ersten Biss in ein eiskalt dampfendes Magnum-Eis im Ohr. Zum Sommer-Launch der neuen Eissorten ‚Pink & Black‘ inszenierte Ellen von Unwerth mit der deutschen Schauspielerin Josefine Preuß elf pink-schwarze Fantasiewelten voller Verspieltheit, Humor und Leidenschaft.   
Ellen von Unwerth: Moments in Pink & Black
Ellen von Unwerth: Moments in Pink & Black
Ellen von Unwerth im Interview
Sie haben Josefine Preuß für die neue Magnum-Kampagne fotografiert. Wie hat die Schauspielerin vor Ihrer Kamera agiert?

Josefine war sehr aufregend und sehr überraschend. Ich kannte sie zuvor eigentlich nicht und war aufs Positivste überrascht davon, wie sehr sie sich verwandeln konnte. Sie ist außerdem sehr sexy, jedoch nicht im Sinne von 'dickbusig‘. Stattdessen besitzt Josefine eine sehr weibliche und verspielte Art. 

Insgesamt wurden elf Motive für die neue Sommer-Kampagne ausgewählt. Ich habe jedoch gehört, dass noch viele mehr beim Shooting in Paris produziert wurden. Unfassbar, dass die aufwendigen Aufnahmen an nur einem Tag entstanden. 

Ich bin wirklich sehr schnell in meiner Arbeit. Außerdem mag ich es nicht, wenn die Leute zu sehr posen. Sie sollten lieber spielen. Das hat Josefine sehr gut verstanden. Viele denken, dass man für ein Foto stillsitzen muss. Aber ich sag immer 'Nein, bewege dich wie für einen Film.‘ Ich möchte immer ein Stück Leben und einen besonderen Moment einfangen. 
ellen von unwerth josefine preuß

Mysterious Magic: Josefine Preuß


Bei den Bildern der Magnum-Kampagne wurde mit dem Kontrast zwischen Pink und Schwarz gespielt. Welche Farbwelt verkörpern Sie selbst?

Ich denke, jeder besitzt eine rosa Seite und eine schwarze Seite. Mir sagt beides zu. Es ist wunderbar, sich aus beiden Welten zu bedienen. Aber grundsätzlich gehören Fotografien in Schwarz-Weiß natürlich zu meinem Steckenpferd. 

Vor Ihrer Kamera finden sich nicht nur Models wieder, sondern auch Hollywood-Stars. Wie können sich diese Menschen vor Ihrer Kamera so fallen lassen ?

Zuerst  gehe ich auf ihre jeweilige Persönlichkeit ein und versuche, die Atmosphäre zu entschärfen. Viel Musik und gute Laune helfen, damit alles etwas lockerer wird. Die meisten kennen meine Bilder und wissen, was sie zu erwarten haben.  Die Stars spüren, dass hinter der Kamera jemand steht, der sie gut aussehen lässt. Dadurch bekomme ich von vornherein viel Vertrauen zugesprochen. Vielleicht auch weil ich eine Frau bin. 

Welche Musik findet sich denn auf Ihrer Playlist für Shootings?

Disko! Ich liebe Disko-Musik und auch Funk. Zu dem Mix gehört jedoch auch Carmen Miranda und alte Jazz-Musik. Bei der Mischung ist der Up-Beat wichtig. Mit Disko-Musik fangen alle an, sich zu entspannen. Das Team ist relaxed und jeder wippt und tanzt ein wenig mit. Die Musik ist essentiell wichtig, um die Atmosphäre aufzulockern. 

Sie scheinen immer voller Energie und inspirieren mit Ihrer Dynamik das ganze Set. Wie gewinnen Sie diese ganze Energie? Machen Sie vielleicht jeden Tag zwei Stunden Yoga?

Ich liebe meine Arbeit. Sie gibt mir sehr viel zurück. Ich habe die Gelegenheit, viele Menschen kennenzulernen und mit einem kreativen Team zu arbeiten. Meine Arbeit ist vielseitig und sehr inspirierend. Das gibt mir sehr viel zurück. Ich mache aber auch Yoga! Zwar nicht zwei Stunden am Stück, aber drei Male die Woche für 20 Minuten. Außerdem liebe ich die Arbeit im Garten. Das gibt mir viel Kraft und bringt mich auf die Erde zurück. 

Sie leben und arbeiten hauptsächlich in Frankreich und sprechen mittlerweile Deutsch mit einem leichten französischen Akzent. Wie viel Französin steckt in Ihnen?

Ich lebe seit 30 Jahren in Frankreich und spreche sehr selten Deutsch. Ab und an kommt jedoch noch Englisch und Italienisch hinzu. Wenn ich Shootings mache, spreche ich mit meinem Assistenten Französisch, mit den Menschen am Set Deutsch und gleichzeitig am Telefon Englisch. Manchmal vermischt sich dann alles.

Was haben Sie sich von den Französinnen abgeschaut?

Die viel gepriesene Leichtigkeit –laissez faire- gibt es überall. Das lässt sich nicht verallgemeinern. Es gibt lebensfrohe Frauen in Paris, genauso wie in Deutschland. Vielleicht sind Französinnen ein bisschen schicker. Paris ist schließlich die Stadt der Mode!
Ellen von Unwerth über das Shooting der Magnum-Kampagne

Genau dort werden auch die meisten Modestrecken produziert. Was macht ein gutes Model aus?

Manche Mädchen wissen sich zu bewegen. Sie lieben das Spiel mit der Kamera und besitzen ein Gespür für die Kamera. Andere Mädchen sind einfach nur sehr hübsch und bewegen sich aber nicht. Sie sitzen nur da. Manchen meiner Kollegen gefällt das. Mir jedoch nicht. Eine Naomi oder Claudia weiß einfach intuitiv, wie man ein gutes Foto macht. Bis man an diesen Punkt gelangt, gibt es natürlich schon einen großen Unterschied zwischen den Models. Aber am liebsten mag ich Anfängerinnen. Mädchen, die noch nicht genau wissen, wie man posiert, die dadurch jedoch eine besondere Spontanität ausstrahlen. 

In Frankreich will man Magermodels per Gesetz verbieten lassen. Was halten Sie von dieser Debatte?

Ich finde Restriktionen immer problematisch.  Man sollte die Menschen so leben lassen, wie sie wollen. Manche Models sind jedoch ohne Frage zu dünn. Das ist für mich als Fotografin auch unangenehm. Es sieht einfach ungesund aus. Dünne Mädchen sind oft nur noch ein Schatten von sich selbst. Junge Mädchen sollten ihr Leben genießen und sich nicht selbst zum Verzicht zwingen. Aber die neuen Stars der Model-Szene, wie Gigi Hadid, Kendall Jenner und Anna Ewers, besitzen eine gesunde Figur und eine interessante Persönlichkeit. Die Sichtweise auf den Körper ändert sich. Figuren ändern sich. Trends ändern sich. Aber eine Frau, die sich in ihrem Körper wohl fühlt, ist schlichtweg perfekt! 

Ihre Arbeiten sind oftmals sehr körperbezogen. Dabei geht es jedoch nie um bloße Nacktheit. Wie definieren Sie Erotik?

Der wichtigste Teil der Erotik sind die Augen. Es ist ein besonderer Ausdruck in den Augen zusammen mit einer eleganten Bewegung in einem besonderen Moment. Das kann auch mysteriös und manchmal sogar verboten scheinen. Das macht für mich ein erotisches Foto aus. 
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Ellen von Unwerth beim Shooting mit Josefine Preuß


Sie verbringen Ihre Tage damit, schöne Menschen noch schöner aussehen zu lassen. Auf welche Faktoren sollten wir beim nächsten Schnappschuss auf jeden Fall achten?

Smile! Auch ganz wichtig: Man sollte sich zu einem guten Licht drehen. Licht von oben ist immer schlecht. Ich setze mich in einem Restaurant an keinen Platz mit einer Lichtquelle von oben. Das sieht einfach schrecklich unvorteilhaft aus. 

Sie besitzen einen eigenen Instagram-Account. Welche Beziehung pflegen Sie zu den Sozialen Medien?

Ich hatte nie einen Facebook-Account. Es hat mich nie interessiert, Menschen von meinem Leben zu erzählen. Aber ich benutze Instagram. Die App ist sehr lustig und eine schöne Art zu kommunizieren. Viele Menschen, die mich auf meinen Instagram-Account ansprechen, haben noch nie einen meiner Bildbände in der Hand gehabt. Dahingehend haben sich die Zeiten sehr geändert. Ich habe beispielsweise auch für Instagram die goldene Fotobooth mit den Gewinnern der Golden Globes in Echtzeit inszeniert. 
Magnum Pink & Black Light Gallery Als Fan von Fotofiltern hat Ellen von Unwerth auch zwei digitale Fotofilter für Magnum entworfen. Unter Pinkandblack.me lassen sich Bilder mit den Filtern bearbeiten und in eine digitale Galerie hochladen.  Ausgewählte Beiträge werden dann Teil der ‚Magnum Pink & Black Light Gallery‘ in Hamburg werden. 

Die Motive der Sommer-Kampagne mit Ellen von Unwerth und Josefine Preuß sind vom 30. April bis 3. Mai in der HO Gallery, Wollzeile 17, in Wien zu bewundern. Danach wandert die Ausstellung vom 7. Mai bis zum 15. Mai auf die Ausstellungsfläche Europa Passagen, Ballindamm 40, nach Hamburg.