Cynthia Barcomi: In der Küche zu Hause

Erfolgreiche Geschäftsfrau, Buchautorin und vierfache Mutter: Cynthia Barcomi ist ein wahres Multitalent. Im Interview verriet uns die in Berlin lebende US-Amerikanerin, wie sie überhaupt zum Backen kam, wie sie mit Rückschlägen umgeht und wie sie Beruf und Privatleben unter einen Hut kriegt.

Brownies und Cookies sind die Leidenschaft von Cynthia Barcomi - allerdings nicht die einzige!

Brownies und Cookies sind die Leidenschaft von Cynthia Barcomi - allerdings nicht die einzige!

Brownie Rezepte
Brownie Rezepte

Drei köstliche Ideen von Cynthia Barcomi


Madame.de: Frau Barcomi, leben Sie Ihren Traum?
Cynthia Barcomi: Das würde ich schon sagen. Allerdings gehört dazu jede Menge Verantwortung, die es leider manchmal überschattet, wirklich zu genießen was ich tue. Daher ist es für mich sehr wichtig, hundertprozentig hinter meiner Arbeit und auch dafür gerade zu stehen.

Wie haben Sie das Backen überhaupt für sich entdeckt?
Ich habe es mir bei meiner Großmutter und Mutter abgeschaut. Ich liebte es schon damals, die Schüssel abzulecken, Teig zu essen. Ich wollte ausprobieren, anfassen, riechen, verteilen, weitergeben. Das ist heute immer noch so! Außerdem macht mir das Backen nach wie vor so viel Spaß, weil es sehr sinnlich ist und ich sofort ein Resultat sehe. 

War Backen ein Plan B? Schließlich haben Sie Philosophie und Theaterwissenschaften studiert und als Tänzerin gearbeitet … 
Nein gar nicht. Nach meinem Diplom an der Columbia Universität zog ich nach Berlin und habe dort acht Jahre lang professionell getanzt, choreografiert, gelehrt. Mit Ende 20, Anfang 30 war es dann soweit: Ich hatte das Gefühl, dass ich in meinem Leben auch noch andere Dinge tun kann. Wichtig war nur, dass ich mich für etwas entscheide. Das Backen war für mich zudem immer ein Weg, mein Heimweh zu stillen. Heute ist es meine kulturelle Botschaft als Amerikanerin.

Welche Unterschiede können Sie beim Backen zwischen Amerika und Deutschland ausmachen?
Wir Amerikaner haben einen anderen Ansatz: Wir backen jeden Tag, nicht nur zu Weihnachten und Ostern, und reden uns nicht ein, dass nur ein Konditor- oder Bäckermeister besser backen kann als wir. Außerdem verwenden wir andere Zutaten, Erdnusscreme, dunkle Schokolade, Bananen oder Walnüsse. Ich will Ideen und Inspirationen liefern, wie einfach es ist, unter der Woche zu backen - und zeigen, welche Bereicherung es für das eigene Leben sein kann, wenn man selbst backt und mit anderen Menschen teilt.

Genießen Deutsche anders als Amerikaner?
Ich glaube schon. Mein Leben außerhalb Amerikas hat mich, meinen Geschmack und meine Wahrnehmung sehr geprägt. Ich weiß allerdings nicht, ob man das verallgemeinern kann oder ob es nur mich persönlich betrifft. Geschmack wird schließlich von vielen Dingen bestimmt: Bildung, Erfahrung, Einstellung, Hintergrund. Nach wie vor bezeichne ich mich sehr stark als Amerikanerin. Wenn ich aber immer mal wieder dorthin fahre, ist es nicht einfach für mich, mich mit bestimmten Dingen, die sich verändert haben, zu identifizieren, weil ich eben schon so lange nicht mehr dort lebe.

Warum zog es Sie gerade nach Berlin?
Ich hatte mein Diplom in New York gemacht, wollte aber dort nicht das Leben einer armen Tänzerin leben. Ich verbrachte meine Sommer schon damals immer in Europa, habe an der Sorbonne und in Rom studiert. Irgendwann dachte ich: Ich ziehe dorthin! Und Berlin fand ich damals spannend, weil ich mich sehr für Tanztheater interessierte. Obwohl es im Nachhinein eine Entscheidung aus dem Bauch heraus war, weil ich einfach weg von zu Hause wollte, war es für mich wichtig, dass ich damit ein neues Kapitel beginne. Wenngleich ich wusste, dass es schwierig sein würde, das erste Mal im Leben so richtig auf mich allein gestellt zu sein.

War es die richtige Entscheidung?
Auf jeden Fall! Erst im Rückblick kann man wahrnehmen, welche Entscheidungen im Leben ganz wichtig waren - obwohl man damals vielleicht kaum darüber nachgedacht hat. Es ergibt sich ein roter Faden, auch wenn ich nicht glaube, dass alles eine gerade Linie ist. Meiner Meinung nach gibt es keinen großen, zusammenhängenden Plan. Wenn einem etwas nicht passt oder nicht gefällt, muss man agieren. Viele Leute sind dafür aber einfach zu stur. Allerdings darf man den Zugang zum eigenen Instinkt nicht verlieren: Es geht nicht darum, dass ich etwas durchstehen muss, sondern dass ich wahrnehmen muss, ob etwas das Richtige für mich ist oder nicht.
Cynthia Barcomi bei ihrer Lieblingsbeschäftigung: backen.

Cynthia Barcomi bei ihrer Lieblingsbeschäftigung: backen.


Was raten Sie Menschen, die vor einer ähnlichen Entscheidung wie Sie damals stehen, sich aber noch nicht ganz trauen?
Nun, die Selbständigkeit ist nicht für Jedermann. Man muss das Gefühl haben, dass man alles gibt - und noch mehr. Man muss dermaßen selbstkritisch sein und bleiben, egal wie erfolgreich man ist. Das ist nicht einfach. Und man muss sich immer treu bleiben. Wenn man etwas wirklich machen will, setzt man es auch früher oder später um. Viele Leute überlegen sich vieles, letztendlich geht es um das Tun.

Wie lange haben Sie gebraucht, um es zu tun?
Ich stellte mir selbst ein Ultimatum: Ich wollte aufhören, immer nur darüber zu reden und mir Gedanken zu machen. Ich dachte: Entweder ich mache es oder ich lasse es! Und so ging es los.

Vor welchen Herausforderungen standen Sie damals?
Als ich vor 21 Jahren eine Bank suchte, die mir einen Kredit geben würde, war das sehr schwierig. Die allgemeine Einstellung war: "Liebe Frau Barcomi, wenn wir Ihre Idee nicht schon haben, brauchen wir sie nicht. Und wenn es wirklich eine gute Idee wäre, dann hätten wir sie schon." Und ich so: "Wie bitte? Was ist das für eine Einstellung?" Ich selbst zweifelte aber auch dann nicht an meinen Ideen, aber natürlich daran, dass ich jemanden finde, der mit mir zusammenarbeitet. Das war wie eine Prüfung: Wie sehr will ich es haben? Und ich habe gekämpft! Es ist eine feine Linie zwischen Erfolg und Misserfolg - man muss ständig am Ball bleiben. Viele Leute hören einfach zu schnell auf. Vielleicht ist das für sie aber auch das Richtige. Wenn man diesen Prozess, Investoren zu finden, nicht bewältigen kann, dann wird man die Umsetzung und das Tun auch nicht bewältigen können.

Wie gingen Sie mit Rückschlägen um?
Ich war bestimmt bei einem Dutzend verschiedener Banken. Das ist wie das Gefühl, wenn man einen Marathon läuft: Nach 20 Kilometern denkt man, man kann nicht mehr. Aber genau dann muss man durch die Wand - und es ist geschafft! Auf der anderen Seite gibt es wieder neue Energie. Aber bis dahin braucht man sehr viel Disziplin und sehr viel Glauben an sich selbst.

Inzwischen sind Sie nicht nur Geschäftsfrau, sondern auch vierfache Mutter. Wie können Sie Beruf und Familienleben vereinen?
Das klappt in erster Linie, weil ich einen Partner habe, der mitmacht. Für viele Paare ist das eine Sache, die man aushandeln muss. Man braucht immer zwei, damit so eine Situation gelingt. Klar gibt es viele alleinerziehende Frauen und Männer, es gibt dafür kein Rezept. Aber es gibt die Bereitschaft und das Vertrauen, dass man es schafft. Als ich vor 20 Jahren das Barcomi’s aufgemacht habe, hätte ich das nie so machen können, wie ich es heute kann. Ich hatte einfach nicht die Erfahrung. Diese Erfahrung muss man sammeln, man bekommt sie nicht, indem man Bücher liest. Durch das Tun und das Leben. Erst dann merkt man, worum es geht. Ich stelle für mich immer wieder fest: Es ist eine Sache, eine Entscheidung zu treffen, zum Beispiel ein Rezept theoretisch auszuarbeiten. Es ist aber eine ganz andere Sache, wenn ich anfange, in der Küche die verschiedenen Zutaten auszuwiegen und zusammenzustellen.

Wie entwickeln Sie eigentlich Ihre Rezepte?
Der Ausgangspunkt ist für mich eine Zutat, Form, Farbe, Erinnerung … irgendetwas, das ich noch nie gesehen oder gegessen habe. Zunächst beginne ich ganz trocken am Schreibtisch, der in meiner Küche steht. Danach wiege ich alles ab, probiere aus, mache mir sehr präzise Notizen über Menge und Prozedur. Und dann warte ich, bis das Ergebnis aus dem Ofen kommt.
Was ist Erfolg
Was ist Erfolg?

Unser Test verrät es Ihnen


 
Und sind dann total überrascht!
Und glücklich! Allerdings: Wenn irgendetwas nicht so ist, wie ich es mir vorstelle, hält die Welt an. Was gefällt mir? Was gefällt mir nicht? Warum nicht? Ist es die falsche Kombination, stimmt das Gleichgewicht nicht? Ist ein Geschmack oder eine Textur zu dominant? Manchmal bin ich sogar so verzweifelt, dass ich einfach unter die Dusche gehe und alle Gedanken abwasche. Szenenwechsel. Und meistens habe ich dort eine neue Idee, ich gehe sofort in die Küche, setze sie um – und das war es dann!

 
Wie lange dauert dieser Prozess?
Das kommt darauf an. Inzwischen kenne ich mich sehr gut aus mit meinem Stil, meiner Unterschrift. Ich weiß, worum es mir geht, möchte mich aber auch weiterentwickeln. Ein Ansatz wie etwa glutenfreies Gebäck war Neuland für mich, hier landete ich nicht so schnell am Ziel. Doch auch durch Misserfolge merke ich, dass ich immer die Herausforderung brauche. Ich will weiterkommen – und auch meine Leser sollen weiterkommen.

Für wen backen Sie am liebsten?
Für die, die ich liebe. Wenn meine Familie und meine Kinder etwas wirklich mögen und gar nicht genug davon bekommen können, bedeutet mir das sehr viel. Auch wenn sie mich öfter mal loben könnten: Manchmal zu hören, wie toll ich gebacken habe, wäre schon schön (lacht).