Chantal Thomass im Interview

Bei Wolfsbarsch und Paillard de Poulet plaudert Madame-Chefredakteurin Petra Winter im Pariser "Hôtel Costes" mit Chantal Thomass, der Grande Dame der Lingerie, über BH-lose Zeiten, Wäschesünden und Männer in der Dessous-Boutique.

Sie gilt als die Grande Dame der Lingerie: Chantal Thomass.

Sie gilt als die Grande Dame der Lingerie: Chantal Thomass.

"Ich war die erste Designerin, die Dessous auf dem Laufsteg präsentiert hat", sagt Chantal Thomass. "Das gab es in den Siebzigern noch nicht." Wie sie da so sitzt, in ihrem schwarzen Anzug, grauschwarz karierte Krawatte, weißes Hemd, bis auf den letzten Knopf geschlossen, sehr schlank, feuerroter Mund, Pagenkopf, ein großer Kamee-Ring aus Onyx und schwarz lackierte Nägel, ahnt man, mit wie viel Spaß sie vor fast 40 Jahren anfing, die Dessous-Welt umzukrempeln. "Und ich wollte Strümpfe aus Spitze! Dafür standen die Frauen morgens um 7 Uhr Schlange vor den Geschäften."

Völlig entspannt wirkt die 66-Jährige im Garten des Pariser "Hôtel Costes" in der Rue Faubourg. Sie zieht an ihrer Dunhill, lächelnde Augen unter schwarzen Ponyfransen, sehr französisch. Ganze 20 Minuten ist sie zu früh erschienen, obwohl sie doch morgen eine große Fashion-Show hat - sehr unfranzösisch. "Ach, ich kann ja schnell rüberlaufen", winkt sie ab, als ich mich für ihre kostbare Zeit bedanke. "Meine Boutique liegt gleich hier gegenüber."


Die Kellner im "Costes" sehen aus wie Models, schöne Menschen in Hotpants, engen Oberhemden, aber mit begrenzten Servicequalitäten. Wir winken mehrmals, bis der hübsche junge Mann auf uns aufmerksam wird. Chantal Tomass kommt häufig her. Sie kennt die Karte auswendig, bestellt Paillard de Poulet - keine Vorspeise. Dafür würde sie dann beim Dessert zugreifen, lächelt sie. Meine Wahl fällt auf den Tom Yam Chili SeaBass, dazu grüne Bohnen.

Lippenstift
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1914 - 2014: 100 Jahre BH

Vor genau 100 Jahren wurde der BH erfunden. Die Pariserin hat einen guten Teil dieser Wäsche-Geschichte mitgeschrieben. Jahrzehnte vor Agent Provocateur war sie die Queen of Frivolität, ihr Pin-up-Wäschestyle war Talk of the Town. In Frankreich ist sie eine Nationalheilige, designt Hotelzimmer (zum Beispiel im "Vice Versa"), Cola-Dosen, Tennis-Shirts für die French Open, Bettwäsche, Vasen. Wie Karl Lagerfeld hat sie ihren ikonenhaften Look kultiviert. "Aus Bequemlichkeit", wie sie sagt. "Ich habe angefangen, Schwarz-Weiß zu tragen, seit ich Kinder habe. Früher habe ich jeden Morgen eine Stunde darauf verwandt, das Richtige zu kombinieren. Mit meinen zwei Kindern hatte ich nicht mehr als 15 Minuten."

Mit ihr zu plaudern ist wie ein Treffen mit einer alten Freundin. Wir lästern über Design-Hotels, in denen man kaum den Lichtschalter findet, tauschen uns über unsere Pläne für die Sommerferien aus (sie empfiehlt ein Schlosshotel, von wo aus man bestens die Wassermusikspiele in Versailles verfolgen kann) und sprechen über die perfekte Farbe für die Lippen (ihres ist ein mattes Rot der Beautymarke MAC). Wir kommen auf die Anfänge ihrer Karriere zu sprechen.

Wie das war in den 60er- bzw. 70er-Jahren, mit frivoler Lingerie sein Glück zu machen, möchte ich wissen, in einer Zeit, als Frauen eher ohne BH unterwegs waren und feministische Ziele im Blick hatten. "Meine Generation mochte das. Es ging um Freiheit, das zu tun, wozu wir Lust hatten. Vor 50 Jahren hat niemand ein Bikini-Oberteil getragen. Heute tragen die Frauen in Saint-Tropez alle wieder ihre Bikini-Tops." Diesbezüglich sind offenbar konservativere Zeiten angebrochen.

Ter et Bantine
Nachdem Chantal Thomass 1998 nach einer dreijährigen Schaffenspause ihre Kollektion im Lafayette gezeigt hatte, gab es plötzlich feministische Proteste. Sie erzählt von ihrer Idee, lebende Models im Schaufenster ihre Wäsche vorführen zu lassen - in einem als Apartment eingerichteten Schaufenster. Das hatte vorher noch niemand getan. Und es gefiel offenbar nicht allen. Mit Revolutionärem hat die Französin Erfahrung. "Ich habe 1969 mit einer Marke namens 'Ter et Bantine' angefangen, einer Prêt-à-porter-Kollektion. In der Show zeigte ich neben der Mode auch ein paar Lingerie-Teile. Das erste Stück Wäsche, das ich jemals designt habe, war ein BH aus Seide mit einem Herz drauf. Niemand hat zu der Zeit halbnackte Models in Wäsche auf den Laufsteg geschickt. Und alle Welt, die Magazine und Fotografen, stürzten sich auf meine Dessous. Ich war die Erste, die Unterwäsche wie Oberbekleidung gezeigt und getragen hat."  Sehr früh hatte die Designerin prominente Fans wie Brigitte Bardot und Michèle Mercier. Das Label "Ter et Bantine" ersetzte sie 1977, "weil es so jung klang", durch ihren eigenen Namen.

Als die Teller mit dem Hauptgang vor uns stehen, isst sie mit Appetit die flach geklopfte Hühnerbrust, kein Brot, keine Beilagen. Kein Wunder, wenn man so schlank bleiben möchte wie sie. Mein Wolfsbarsch in zitroniger Kokosmilch schmeckt ausgezeichnet. Wie sich ihr Stil entwickelt habe, möchte ich wissen, während sie ihr Huhn zerschneidet. "Ich habe alte Filme und Magazine angeschaut und mich gewundert, dass niemand mehr so schöne Wäsche trägt wie die Frauen damals." Heute gibt es für jede ihrer neuen Kollektionen ein Thema wie Marie Antoinette, 50ies-Pin-ups und aktuell die 1920er-Jahre. Zusammen mit der Starfotografin Ellen von Unwerth inszeniert sie die Korsagen, Strapse, Bras und Slips im für beide typisch frivol-mädchenhaften Style. Gezeigt werden Models, die Spaß am Genuss, Spaß am Leben haben.
Ich fing an, Schwarz-Weiß zu tragen, als ich Kinder bekam.
Chantal Thomass

"Unsere Kundin ist zwischen 16 und 60 Jahren", erzählt sie. "Auch wenn sie die Wäsche niemandem zeigen sollten, haben sie Freude daran." Sie selbst ist früher schon mal in Wäsche auf die Straße gegangen: unter den Hotpants hervorblitzende Strapse, ein BH als Oberteil. Ihrer Tochter sei das nicht immer recht gewesen. "Sie wollte das Gegenteil von dem tun, was ich mache. Sie ist aufs Land gezogen, kocht ihre eigene Marmelade, alles ist bio bei ihr. Wir hatten einige Jahre ein schwieriges Verhältnis, jetzt ist es ok, seit sie selbst Kinder hat." Dann berichtet sie von einem Erlebnis zwei Wochen zuvor, als sie ihre Enkeltochter zur Schule gebracht und diese sie gebeten habe, doch im Auto zu bleiben, wenn sie dort ankämen. "Sie hatte Bedenken, dass man über mich redet, dass man mich erkennt. Kinder wollen doch immer normal sein, so wie andere. Meine Tochter hatte ebenso Probleme mit meinem Leben, meiner Arbeit, hat aber nie darüber gesprochen. Eigentlich haben wir uns nur gestritten, als sie zwischen 16 und 25 Jahre alt war. Sie warf mir vor, dass ich nicht genug da war für sie." Ihr jüngerer Sohn, heute 26 Jahre alt, sei dagegen ganz stolz auf seine Mutter. Vor einigen Jahren habe er sie sogar mal um Strapse für seine Freundin gebeten.
Chantal Thomass mit Model und Dessous-Kollektion

Chantal Thomass mit Model und Dessous-Kollektion


Überhaupt junge Männer, wie gehen die eigentlich heute in einen Wäscheladen wie den von Chantal Thomass - selbstbewusst oder schüchtern? "Vor 20 Jahren waren Männer zwar eher unsicher und zurückhaltend im Laden, kauften dann aber oft sehr sexy Dessous: Spitze, Strapse, alles schwarz. Heute wollen sie eher das, was Frauen auch für sich selbst gut finden. Das heißt nicht, dass es nicht auch mal frivol sein darf. Aber die Männer heute kennen den Geschmack ihrer Frau oder Freundin viel besser. Und sie haben kein Problem mehr damit, das klar zu artikulieren." Klingt wie eine gute Nachricht. Ein Dauer-Dilemma ist wohl die ewige Suche nach schöner Wäsche, die sich nicht durch alles durchdrückt, was man darüberträgt. Was nützen die schönste Spitze oder die süßesten Schleifen, wenn man die Dessous dann nur vom Bad ins Bett tragen kann, frage ich. "Tja, da muss man wohl wählen", sagt sie. Meistens habe man es ja eilig, vor allem mit Kindern. Den meisten gehe es so, sie zögen morgens ihre Wäsche an, sähen, dass der BH nicht unter ein bestimmtes Top passe, wechselten ihn und liefen dann den ganzen Tag mit einer nicht zusammenpassenden Kombination herum. Irgendwie beruhigend, dass es auch der Grande Dame der Dessous so geht … Auch für die richtige Wäsche bei tief ausgeschnittenen Kleidern hat sie keinen ultimativen Rat, außer den, dass solche Kleider am besten perfekt geschnitten sind und man dann gar keine Wäsche darunter braucht.

Der Kellner erscheint, räumt ab und fragt nach Dessertwünschen. Ich würde gern ihre Empfehlung als Stammgast hören. Sie schwankt zwischen dem New York Cheesecake und dem Éclair mit Karamellfüllung, also bestellen wir beides. Dazu Espresso. Zeit, um auf die statistischen Dinge des Dessous-Kaufs zu kommen. Ob sie wisse, dass laut einer Studie 70 Prozent aller Frauen ihre richtige BH-Größe nicht kennen. Ja, das könne sie bestätigen, sagt sie. "Das ist ja auch nicht so leicht, jede Marke sitzt anders, und auch innerhalb derselben Marke bestehen erhebliche Unterschiede in der Cup-Größe." Wir spekulieren über die Gründe, warum Jahr für Jahr die durchschnittliche Oberweite von Frauen zunimmt ("Heute machen wir sogar E-Cups", sagt sie leicht erstaunt) - sind es die Brustimplantate oder doch eher zunehmendes Übergewicht? Wahrscheinlich beides. Durchschnittsbrüste in Frankreich haben eine Cup-Size von 75 B, in Deutschland liegen sie bei 80 C.

Ist es ein Unterschied, für große oder kleine Brüste Wäsche zu designen? "Nein", antwortet sie. "Es ist eher abhängig davon, wie ich mich kleiden will oder zu welchem Anlass ich den BH brauche - will ich Dekolleté zeigen oder nicht?" Ich frage sie nach der schlimmsten "Sünde", die man ihrer Meinung nach begehen könne. "Wenn man schmutzige BH-Träger sieht, vor allem bei weißer und hautfarbener Wäsche." Dann gruseln wir uns noch gemeinsam über seitlich rausquellende Busen bei zu kleinen BHs. Auf die Vorlieben verschiedener Nationalitäten angesprochen, wundert sie sich ein wenig, dass die deutschen Frauen gern grüne und blaue Wäsche tragen. "In Frankreich würde das nicht funktionieren."
Ich bin jetzt 66 Jahre alt und weiß, dass ich es nicht aushalte, zu Hause zu bleiben.
Chantal Thomass

Nach fast 40 Jahren in ihrem Job: Wie bewahrt sie ihre zweifelsohne riesige Wäschekollektion auf? "Vor zehn Jahren hatten wir in einer Show die perfekten Dessous-Schränke, in denen man die Wäsche, BHs und Slips, auf einen Bügel hängen kann. Die habe ich jetzt zu Hause. Meine Haushälterin kriegt es aber trotzdem nicht immer hin, die Teile richtig zusammenzuhängen. Es ist schrecklich, aber ich behalte und hebe alles auf - nach Farben sortiert." Und ihr bester Pfegetipp? "Ich wasche alles in der Waschmaschine - in einem Beutel, mit Seidenwaschmittel."

Wir nähern uns dem Ende des Lunches, es ist fast 15 Uhr. Sie spricht darüber, wie sie sich die Zukunft ihrer Firma, ihr eigenes Leben in den nächsten Jahren vorstellt. "Normalerweise geht man in Frankreich mit 62 in Rente, ich bin jetzt 66 Jahre alt und weiß, dass ich es nicht aushalte, zu Hause zu bleiben. Ich denke, ich bleibe als Beraterin für PR in der Firma, tue ein paar Dinge, die mir Spaß machen, richte vielleicht noch ein paar Hotels ein. Ich werde immer was tun müssen. Die Kinder haben kein Interesse an der Firma. Ich liebe meine Enkel, aber ich muss nicht immer mit ihnen zusammen sein - das könnte ich nicht."

Sie sagt noch, dass man seine Kinder nur so kurz bei sich habe, dass es wichtig sei, sein eigenes Leben zu behalten und seiner Aufgabe nachzugehen. Dann verabschieden wir uns an der Hoteltür, sie drückt meine Hand, wirkt auf einmal fast schüchtern, scheint im Kopf schon ganz woanders zu sein. Dann lässt Chantal Tomass ihren schwarzen Smart  vorfahren, setzt sich hinters Steuer und düst in den dichten Pariser Verkehr - zur Generalprobe ihrer morgigen Fashion-Show.