Die Cellistin Sol Gabetta im Klassik-Portrait

Singend, sonnig, sandig: Die Cellistin Sol Gabetta entlockt ihrem Instrument außergewöhnliche Töne. Ein Gespräch über Risiken, Zusammenhalt und ihre Vision von exzellenter Musik

Sol Gabetta

Sol Gabetta entlockt ihrem Instrument außergewöhnliche Töne.

Es gibt viele talentierte Geigerinnen, doch nur wenige große Cellistinnen. Sol Gabetta ist so eine. Ihr Wesen entspricht ihrem Vornamen: Sol, die Sonne. Mit mehr als 40 000 Followern auf Facebook erreicht sie die Popularität von Popidolen. Die 32-Jährige stammt aus Argentinien und hat russische und französische Wurzeln. Heute lebt sie nach Jahren in Frankreich mit ihrer Familie in der Gegend von Basel, wo sie in Olsberg ihr Kammermusikfestival „SOLsberg“ gegründet hat und von wo aus sie ihren Engagements nachkommt. Im Basler Künstlerhotel „Der Teufelhof“, gegenüber der Hochschule, an der sie maßgeblich geprägt wurde und auch selbst unterrichtet, treffen wir sie.

Madame.de: Was braucht man für eine solche Karriere wie die Ihre?
Sol Gabetta: Ich denke, dass ein Mensch ohne starken Willen gar nichts schaffen kann. Er ist für mich etwas sehr Positives, wird aber leicht verwechselt mit etwas, was sehr gefährlich ist. Ich nenne es das Ego.
Was verdanken Sie persönlich Ihrem starken Willen?
Dass alles eine Richtung hat und nicht mal vorwärts, mal rückwärts geht, nach hinten, nach vorn, nach rechts, nach links. Meine Ideen und meine Projekte haben zwar die Tendenz, in die verschiedensten Richtungen zu gehen. Das ist bei allen Musikern so – mal sind wir fasziniert vom klassisch-romantischen Repertoire, dann wollen wir Neues von heute, und dann sind wir wieder gefesselt vom Ursprung unserer Musik im Barockzeitalter; wir wollen Kammermusik im kleinen Kreis spielen und doch in den großen Sälen vor ganz viel Publikum mit den etablierten Konzertstücken glänzen. Ich kenne so viele Kollegen, die wunderbare Ideen haben und sich dabei verzetteln...
Sie aber nicht...
Genau. In dem Moment, wo ich etwas in Angriff nehme, geht es nur noch schnurstracks vorwärts. Und das ist mein Glück. Ich hab viel vom Widder, ein sprichwörtlicher
Dickschädel. Ich war als Kind schon so. Da habe ich ganz allein entschieden, was ich für welches Konzert anziehen wollte.
Und Sie haben auch heute keine Angst vor den Risiken solch klarer Entscheidungen?
Sol Gabetta
: Die Gefahr ist, sich zu verlieren in der Fülle der Möglichkeiten, weil sich manche Menschen nicht entscheiden können oder entscheiden wollen. Sie wollen keine Verantwortung
übernehmen. Ich übernehme gern die Verantwortung, auch wenn einmal falsch ist, was ich entschieden habe.
Ihr Heimatland Argentinien gilt nicht gerade als Schlaraffenland der klassischen Musik...
Nun ja, als Kind bin ich jede Woche zum Unterricht nach Buenos Aires gefahren, 700 Kilometer hin und wieder zurück. Das ist normal in Argentinien. Distanzen sind dort etwas
ganz anderes als in Europa. Ich kenne viele, die mit zwölf, dreizehn Jahren die ganze Nacht über im Bus unterwegs waren nach Buenos Aires, um dort Stunden zu nehmen. Also ganz anders als
in Europa, wo Konservatorien, Musikhochschulen, aber auch Konzertsäle so dicht gewebt sind wie nirgends auf der Welt.

Ihre Eltern reisten mit Ihnen?
Mein Vater musste hart arbeiten, um dies zu ermöglichen. Er hat die Zeit nicht gehabt, aber er hat sie gefunden.
Es war also schon sehr früh klar, dass Sie Musik zu Ihrem Lebensinhalt machen wollten?
Ich wollte schon als kleines Mädchen Musik machen. Meine Erinnerungen reichen zurück bis in die Zeit, als ich zweieinhalb Jahre alt war – und gesungen habe. Auch mit neun oder zehn war das noch nicht reflektiert in dem Sinne, darauf ein Leben aufzubauen. Ich habe einfach Musik gemacht, weil das meine Art war, mich emotional auszudrücken. Es war der Weg, mich zu befreien. Das meinen wir doch mit Heranwachsen: die in einem selbst verborgene Person zu befreien, Emotionen über ein kindliches Verhalten hinaus zuzulassen und auszudrücken. Manchmal denke ich, dass viele Menschen die Gelegenheit dazu gar nicht haben. Sie stecken in einem festen Zeitplan, arbeiten nach Anweisungen eines Chefs – wo ist da noch Freiheit?

Und wie kam es, dass die Wahl aufs Cello fiel?
Mit dem Cello angefangen habe ich mit viereinhalb Jahren. Ich wollte das Cello, weil es das nicht gab, es gab auch keine Celloklasse. Zunächst wollte man mich mit einer Art
Bratsche foppen, an die ein Stachel montiert war. Das habe ich gehasst. Dann sind aus Japan zwei halbe Celli bestellt worden, und selbst die waren noch viel zu groß für mich. Mein Wille
richtete sich also weniger auf das Cello als auf das neue, noch unerforschte Instrument. Was neu war, wollte ich immer haben, das war interessant für mich.

Wie wurde aus Ihnen eine professionelle Musikerin?
Irgendwann kommt die Frage: Was macht man damit? Mein Selbstwertgefühl war nicht größer als mein Können. Im Gegenteil, ich habe immer gedacht, ich bin nicht gut genug, sollte als Künstlerin und als Mensch noch wachsen. Sogar als ich bei Ivan Monighetti, einem Schüler von Rostropovitch, in Madrid und später in Basel sowie bei David Geringas in Berlin studiert hatte, war das noch so. Bei mir haben sich dann langsam Wege ergeben. Ich habe nicht von null auf hundert beschleunigt. Solche Karrieren gibt es ja auch. Man hat das Glück, jemanden kennenzulernen, der Einfluss hat im Musik-Business. Seien wir ehrlich: Das passiert. Ich hatte das alles nicht. Heute bin ich froh darüber. Ich musste das für mich durchkämpfen.

Dreamteam

Die Pianistin Hélène Grimaud (l.) und Sol Gabetta sind ein musikalisches Traumpaar - zu hören auf der CD "Duo" (Deutsche Grammophon)



Sie sagen, Sie seien immer noch auf der Suche.
Ja. Der Weg ist ja interessanter, als anzukommen. Das Ziel ist nur nötig, um eine Richtung zu haben. Man muss der Zeit Platz lassen. Wenn man schneller sein will als die Zeit,
dann verbraucht man sie nur, statt sie zu nutzen. Man quetscht sie zusammen wie ein Akkordeon. Und dann bewegt sich nichts, sie kann nicht klingen.

Den Sprung ins kalte Wasser mussten Sie dennoch wagen...
Durch den Gewinn des Credit Suisse Young Artist Award 2004 und die folgenden Preisträgerkonzerte unter Valery Gergiev als Dirigent fühlte sich das Wasser weit weniger kalt an. Das gab mir eine Zeit lang eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit und stieß die Tore zu den großen Konzerttempeln auf.

Häufg begegnet man Ihnen als Artist in Residence eines Orchesters, eines Konzerthauses oder eines Festivals wie jetzt mit Ihrem Mendelssohn-Projekt vom 5.7. bis 31.8. beim Schleswig-Holstein Musik Festival. Was bringen solche Artist-in-Residence-Projekte?
Da kann ich mich auch mit Stücken präsentieren, an denen mir liegt, selbst wenn sie nicht im Mainstream der Konzertliteratur schwimmen. Man kann von Konzert zu Konzert eine engere Beziehung zum Publikum aufbauen. Für mich als Musikerin ist es sehr berührend, zu wissen, dass das Publikum bei mir ist und nicht nur dasitzt und etwas von mir erwartet.

Unerfüllte Wünsche?
Im Moment nicht. Was soll ich mir noch wünschen? Ich habe alles, was ich will, die schönsten Konzerte, ein fantastisches Instrument (ein Guadagnini-Cello von 1759, das rund zwei Millionen Euro wert ist und ihr von einem Sponsor zur Verfügung gestellt wird; Anm. der Red.), eine stabile Partnerschaft. Gut, man kann immer noch mehr wollen, aber wozu? Viel wichtiger ist: Wie halte ich mein Niveau? Denn nach oben geht immer noch ein ganz klein wenig. Aber das zu erreichen, diese letzten Prozente auf dem Weg zu den unerreichbaren 100 Prozent, das kostet viel Kraft. Erst recht, nicht nur in diesen Rängen zu bleiben, sondern sich womöglich noch einmal zu steigern.

Was wäre für Sie das vollkommene Glück?
Ich könnte ja jetzt sagen, in vollkommener Harmonie mit einem Orchester ein Stück aufzuführen, was tatsächlich immer ein Glückserlebnis für mich ist. Aber es ist viel einfacher: Meine ganze Familie, Eltern, mein Bruder, meine Schwester, mein Partner, wir sind gesund, wir sind zusammen, wir sind erfüllt, das ist vollkommen so. Manchmal habe ich Angst, das zu verlieren. Als Kind hatte ich immer Angst, meine Eltern zu verlieren. Wir sind aber alle zusammengeblieben. Das ist mein vollkommenes Glück. Je mehr Sie geben, desto mehr kriegen Sie zurück. Und dann sind Sie vollkommen glücklich, das verspreche ich jedem.

Und können Sie das Geheimnis Ihres als sonnig und sandig umschriebenen Celloklangs lüften?
Es ist meine Person, die den Klang durch das Instrument projiziert. Ohne Vision,
ohne Vorstellung gibt es keinen lebendigen Klang. Manche spielen leider ohne oder mit einem toten Klang. Im Konzert ist es die entscheidende Aufgabe des Dirigenten, das Orchester zum Klingen zu bringen. Ich habe nur ein einziges Instrument, mit dem ich meine eigenen Vorstellungen zum Klingen bringen kann. Der Klang überträgt sich gleichsam durch die Moleküle von mir auf das Instrument. Er ist wie eine Unterschrift. Nach drei Tönen sollte man wissen, wer da spielt.

Reinhard Beuth