Brüssel

Alle zwei Jahre öffnet Brüssel, die Keimzelle des Jugendstils, seine schönsten Häuser: Schätze der Architektur der Belle Époque.

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Brüssel, das ist nicht nur EU, das sind auch wunderschöne Jugendstilbauten.

Wenn man eine x-beliebige Person fragt, was ihr beim Stichwort Brüssel als Erstes einfällt, dann kommt unweigerlich die Antwort EU. Weit abgeschlagen folgen die Grand-Place, den Jean Cocteau seinerzeit als „das schönste Theater der Welt“ bezeichnete, das einst auf Briefmarken verewigte Atomium – das Wahrzeichen der Weltausstellung 1958 – oder die Barockbronze des Manneken Pis, der das tut, was der Name schon verrät.
Brüssel Sehenswürdigkeiten
Kulturell Gebildete verweisen dann im Allgemeinen, je nach Generation und Vorliebe, noch auf die Musées Royaux des Beaux-Arts mit großartigen Werken von Hieronymus Bosch, Hans Memling, Rogier van der Weyden, Rubens, van Dyck etc., auf das erst 2009 eröffnete charmante Musée Magritte. Oder sie erinnern daran, dass Brüssel nicht nur wegen des Comic-Zentrums „Centre Belge de la Bande Dessinée“ und Tintin, alias Tim und Struppi, die Welthauptstadt des Comics ist. Anderen fällt die neue attraktive Königin Mathilde ein (wie hieß noch gleich der König?), das belgische Bier, die belgische Schokolade und die allgemein nicht zu verachtende belgische Esskultur.
Jugendstil
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Ein Haus des Architekten Ernest Blérot im Stadtteil Ixelles.


Eine Sache aber, die Brüssel absolut einzigartig macht, wird allzu gerne vergessen. Die Tatsache nämlich, dass in Brüssel die Wiege des Jugendstils stand, der Art nouveau, wie sie vor Ort heißt, und dass es nirgendwo mehr Jugendstilbauten gibt als hier. Auch in Brüssel selbst war man sich lange Zeit dieses kulturellen Schatzes nicht wirklich bewusst, zerstörte jahrelang Meisterwerke wie etwa die bedeutende Maison du Peuple des eigentlichen Vaters der Art nouveau, des Architekten Victor Horta (1861–1947). Im französischen Sprachraum kursiert seitdem das Wort „Bruxellisation“, das solch unbedachte Zerstörungswut, der etwa auch die Pariser Hallen zum Opfer fielen, kennzeichnet. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei.

Inzwischen pflegt man das Art-nouveau- und das – ebenfalls bedeutende, aber nicht ganz so einzigartige – Art-déco-Erbe der Stadt und versucht, es sichtbar zu machen. Vor allem die Jugendstil-Biennale (Biennale Art nouveau et Art déco) bietet die – seltene – Gelegenheit, auch hinter die prachtvollen Jugendstilfassaden zu blicken, die der Öffentlichkeit sonst meist verschlossen bleiben. Insgesamt über 60 spektakuläre Jugendstil- und Art-déco-Gebäude können Besucher alle zwei Jahre von innen entdecken.
Klar ist es reizvoll, sich von einem kundigen Guide die Unterschiede von floralem und geometrischen Stil, die Entwicklung im Werk der einzelnen Architekten oder den Glaubenskrieg zwischen konservativen, den Jugendstil weitgehend ablehnenden Katholiken und den die neue Richtung begrüßenden Freimaurern und sonstigen Freigeistern erklären zu lassen. Aber richtig Spaß macht es, sich auf eigene Faust auf die Suche nach dem Jugendstil in Brüssel zu machen. Spezielle Karten, die verschiedene Routen präsentieren, sind da eine wertvolle Hilfe.
Victor Horta
Egal, ob mit Führung, mit Karte oder ohne präzisere Hilfsmittel: An Victor Horta kommt keiner vorbei, der sich auf die Schönheit der Brüsseler Jugendstilarchitektur einlässt. Als Einstieg für eine etwas nähere Beschäftigung mit dem genialen Architekten ist das ihm gewidmete Horta-Museum im Stadtteil Saint-Gilles genau das Richtige. Es beherbergt Hortas einstiges, 1898 von ihm selbst erbautes Wohnhaus sowie sein damaliges, ebenfalls von ihm geschaffenes Atelier (fast) im Originalzustand. „Symmetrie und Gleichmäßigkeit spielten keine Rolle mehr: Die Architektur erfand hier den offenen Grundriss, ohne jeden formalistischen Zwang“, schreibt Pierre Loze in seinem prächtigen (auch deutschsprachigen) Band „A Portrait of Brussels – Belle Epoque“ (Vincent Merckx Éditions).

Die offene Struktur, bei der das lichtdurchflutete Treppenhaus oft eine zentrale Rolle spielte, die geradezu lässige Verknüpfung von ästhetischen mit nützlichen Gesichtspunkten, die progressive humanistische Haltung, die das Leben schöner und im wahrsten Sinne des Wortes heller machen wollte, die deutliche Tendenz Richtung Gesamtkunstwerk: All diese Charakteristiken des Horta’schen Stils waren damals tatsächlich revolutionär. Ebenso die Materialien, die er und andere aus dem industriellen Kontext befreiten, in dem sie bis dato nur denkbar erschienen waren. Metallpfeiler wurden plötzlich auch im privaten Bereich nicht mehr verkleidet, sondern blieben sichtbar und wurden gewissermaßen gesellschaftsfähig. Kacheln, wie sie in der Pariser Metro benutzt wurden, schmückten Hortas Esszimmer.
Art nouveau
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Die Brasserie Falstaff in Brüssel.


Schon 1893 hatte Horta das Hôtel Tassel entworfen, in dem nicht nur die dynamischen vegetativen Formen Verwunderung hervorriefen, sondern auch die Stilisierung bis ins letzte Detail, und sei es nur eine Türklinke. „Eine Tages wird man zu diesem Haus pilgern“, schrieb der Historiker Sander Pierron schon 1897 – und irrte sich nicht. Fast gleichzeitig mit dem Tassel entwarf der Architekt Paul Hankar (1859 – 1901), der sich mehr für die Fassade als für das Interieur interessierte, einen strenger geometrischen, aber ebenfalls revolutionären Bau, die Maison Hankar. Der Doppelschlag der beiden Architekten markiert die Geburt der Art nouveau, deren Glanz übrigens keine zwei Jahrzehnte später schon wieder erlöschen sollte. Aber erst einmal zeigt sich der jugendlich-frische Stil noch von seiner schönsten Seite, etwa in der fulminanten Eisenkonstruktion, die Paul Saintenoy (1862 – 1952) für das frühere Kaufhaus Old England 1898/99 errichtete. In dem Gebäude befindet sich heute ein sehenswertes Musikinstrumentenmuseum.

Das Horta-Museum, das Old England oder das ebenfalls von Horta entworfene Comic-Zentrum sind natürlich Fixpunkte, die man gezielt aufsucht, aber es gibt auch Gegenden, in denen man zufällig ganze Straßenzüge mit vielleicht etwas weniger spektakulären, aber doch durchaus bemerkenswerten Jugendstilbauten entdeckt. Und wenn man etwas genauer hinschaut, fällt einem vielleicht ein floral geformter Briefkastenschlitz auf oder die versteckte Signatur eines Architekten an der Fassade. Spätestens dann ist es Zeit für eine Belohnung, für einen Drink in einem Lokal im authentischem Art-nouveau-Stil.


Rüdiger von Naso