Borneo: die besten Reisetipps

Schon die Erwähnung Borneos setzt Bilder frei im eigenen Kopf, kurbelt die Fantasie an, weckt Assoziationen an „Dschungelbuch“-Romantik und sagenhafte Geschichten von Schamanen und Kopfjägern. Und wenn man dann da ist und das dreigeteilte Land hautnah erlebt, dann weiß man: Die Vorstellung ist nichts gegen die überwältigende Realität.

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Ein großer Teil Borneos wurde zu Nationalparks erklärt.

Der Mount Kinabalu und sein afrikanischer Bruder, der Mount Kilimandscharo, haben einiges gemeinsam: Nicht nur, dass der eine der höchste Berg Südostasiens ist und der andere der höchste Afrikas. Beide stehen aufgrund ihrer ungezähmten wilden Schönheit auf der Liste des UNESCO Weltnaturerbes. Und man muss kein Reinhold Messner sein, um zu ihren wolkenbekränzten Gipfeln vorzudringen. Aber dazu später mehr.

Tiere im Regenwald
"Don’t worry", beruhigt mich mein Guide Justin auf einer unserer letzten Pirschtouren durch den Dschungel von Gaya Island, während meine Augen zum 100. Mal zum Festland schweifen, um den Himmel über dem Südchinesischen Meer nach der Silhouette des mächtigen Riesen abzusuchen. "Man bekommt die Naturwunder Borneos genauso wenig wie die afrikanischen Big Five auf dem Silbertablett serviert." Wie recht er hat: Obwohl wir mithilfe seiner Machete in den letzten Tagen tief in das geheimnisvolle Hinterland dieser Natur-pur-Insel eingedrungen sind, hat sich auch der Nasenaffe bislang erfolgreich vor mir versteckt. Während ich mich beim Anblick der Fotos sofort in den putzigen kleinen Kerl mit der Knubbelnase verliebt habe, konzentriert sich die Neugier der typischen Borneo-Besucher normalerweise auf den Orang-Utan. Oder auf die Geschichten von Kopfjägern, Schamanen und bösen Geistern.

Borneo Geschichte
Politisch betrachtet war Borneo lange Zeit ein Spielball der Geschichte und ist es noch. Die Insel ist aufgeteilt zwischen Indonesien, dem winzigen Sultanat Brunei und Malaysia, links und rechts flankiert von den beiden zu Malaysia gehörenden Provinzen Sarawak und Sabah. Dass diese beiden alle Kriterien der letzten Abenteuerreisen an den Rand der Zivilisation erfüllen und darüber hinaus mit Tauch- und Badeinselchen vor ihren Küsten aufwarten, erklärt die steigenden Besucherzahlen.

Mein Ziel heißt Sabah, ein bislang jungfräulicher Fleck auf der Landkarte meines Reiselebens. Ich habe einige Geschichten gelesen. Natürlich auch die über die Kopfjäger, die diesen seltsamen Volkssport noch bis in die 1920er- Jahre ausübten. Anderen Naturvölkern ähnlich, hofften sie, sich auf diese Art der Kraft ihrer Feinde zu bemächtigen. Erst unter dem Druck der englischen Kolonialherren, die Malaysia bis in die 1960er-Jahre in ihrem kolonialen Portfolio hielten, war damit Schluss: Wer Schrumpfköpfe sehen möchte, muss heute ins Museum gehen.

Dass die englische Sprache in allen Schulen obligatorisch ist, spürt man allerdings kaum. Sie ist wohl mehr ein leidiges Unterrichtsfach als ein Kommunikationsmittel. Doch, wie jeder weiß, ist auch in der sogenannten heilen Welt die Zivilisation auf dem Vormarsch. Die Heiratswilligen der rund 30 Volksstämme Sabahs kalkulieren die Tagespreise ihrer zukünftigen Bräute schon mal mit dem Blackberry. Sie durchstreifen den Dschungel auf Mountainbikes, verdienen ihren Lebensunterhalt immer häufiger an der Seite von Abenteuertouristen, Naturliebhabern und Tierfreunden auf der Suche nach den letzten Versatzstücken einer geheimnisvollen Welt, in der sich bedrohte Primaten noch einigermaßen sicher fühlen können.

Menschenaffen Borneo
Kein Reisender, der nicht auf eine natürliche Begegnung mit einem Orang-Utan hofft. Einige wenige haben Glück, die Mehrzahl kommt ihrem Wunschtraum beim Besuch eines staatlich gemanagten Reservats näher. Beste Adresse ist das Sepilok Orang Utan Sanctuary bei Sandakan, ein 40 Quadratkilometer großer Dschungel im Osten von Sabah. Leichter erreichbar ist die Rasa Ria Reserve in der Nähe von Sabahs Hauptstadt Kota Kinabalu, kurz KK genannt. Mit respektvollem Kamera-Abstand dürfen Besucher die scheuen Tiere bei der Fütterung beobachten. Affenwaisen, die ihre Familie verloren haben, brauchen Jahre, bis sie den Weg zurück in die Freiheit antreten können. Ich habe Pech: Der Himmel hat sämtliche Schleusen geöffnet, und ich kehre nach KK zurück ohne ein Orang-Utah-Foto.

Die Küstenstadt, die im 19. Jahrhundert mehrfach von Piraten niedergebrannt wurde, dient heute im Wesentlichen als Drehkreuz auf dem Weg in den Dschungel, zu traditionellen Dörfern oder einer Kreuzfahrt auf dem Kinabatangan River – immer in der Hoffnung, exotische Tiere wie Nasenaffen, langschwänzige Makaken, Nashornvögel und kleinwüchsige Pygmy-Elefanten zu sichten. Von KK fahren täglich Speed-Boote in die weitgehend unberührte Welt des benachbarten geschützten Tunku Abdul Rahman Marine Park. Die Inselchen sind ein Paradies für Taucher und stille Rückzugsorte am Ende einer Rundreise.

Ich mache es umgekehrt und bade als einer der ersten Gäste des exklusiven „Gaya Island Resort“ in der blaue Lagune. Wie immer, wenn man massiv in die Landschaft eingreift, um wie in diesem Fall eine Art Bungalow-Dorf auf Stelzen in die Küstenfelsen zu versenken, dauert es ein Weilchen, bis die Natur alle Wunden heilt. Ich fühle mich wie eine Dschungelprinzessin, werde im Spa mit Kokosöl, Ingwer und Kurkuma massiert und gewöhne mich daran, auf dem Weg zum „Fisherman’s Cove“ von einem neugierigen Bartschwein durch den Busch begleitet zu werden, und genieße das kulinarische Crossover, das Malaien, Chinesen, Inder und Filipinos täglich auf den Tisch zaubern. Mein Favorit: im Bananenblatt gedünsteter Korallenbarsch.

Turtle Islands
Auf einem Bootsausfug besuche ich eines der Pfahldörfer auf den Nachbarinseln. Piraten gibt es heute keine mehr, dafür illegale Einwanderer, die häufig von den Philippinen stammen. Sie arbeiten als Hausmädchen, Babysitter, Bauarbeiter. Sabah ist ein Ort der Gegensätze: Während auf dem Sonntagsmarkt von Kota Kinabalu kleine Schildkröten im Dutzend für den Kochtopf angeboten werden, bemüht man sich vor der Ostküste auf den Turtle Islands um den Fortbestand der Schildkröten-Population.

Bevor ich das Land verlasse, will ich dann doch noch den Mount Kinabalu erobern. Mit Bergschuhen, Sonnenhut und Regenschutz geselle ich mich zu einer kleinen Gruppe, die den 4101 Meter hohen Riesen in einem zweitägigen Fußmarsch bezwingen will. Klingt schlimmer, als es ist: Bis zum Ausgangspunkt der Tour auf 1600 Metern fahren wir mit dem Jeep über schwindelerregende Schlaglochpisten. Man braucht nicht mehr als eine gute sportliche Kondition für den Aufstieg. Durch einen einzigartigen botanischen Garten, in dem allein 26 Rhododendron- und 1500 Orchideenarten blühen, nicht zu vergessen die neun Arten insektenfressender Kannenpfanzen und einen märchenhaften Nebelwald, schaffe ich es bis zur Carson’s Hütte auf 2651 Metern.

Nach dem Lunch begleitet mich mein Guide zurück. Ich bin stolz und glücklich. Übrigens: Auf dem Flughafen von Kota Kinabalu gibt es Nasenaffen in jeder erdenklichen Form und Größe – aus Plüsch. Einer von ihnen sitzt jetzt auf meinem Schreibtisch. Neben einem Koala, einem Flusspferd, einem Pinguin und einem ganz normalen Teddy.


Christine von Pahlen