Bibiana Beglau im Interview

MADAME-Chefredakteurin Petra Winter sprach mit der Film- und Theaterschauspielerin Bibana Beglau über Selbst-Verschwendung, Murmelspielen auf der Bühne und den Unterschied zwischen Urlaub und Sommerfrische.

Bibiana Beglau
Herb, intensiv, unbeugsam, ein "Darstellungstier“, intuitiv und charismatisch – so wird Bibiana Beglau, 43, in der Presse beschrieben. Wer sie einmal auf der Bühne erlebt hat, kann das bestätigen. Sie ist eine Naturgewalt, eine Extremistin ihrer Zunft. Persönliches weiß man kaum von ihr. Wenn sie spricht, dann über ihre Rollen, in People-Magazinen und auf roten Teppichen erscheint sie höchst selten. Und das, obwohl die Schauspielerin seit Jahren sehr präsent auf deutschen Bühnen und Fernsehbildschirmen ist. Gerade feiert sie mit Brechts "Baal“ unter der Regie von Frank Castorf Premiere am Residenztheater München, spielt dort ebenfalls den Mephisto in Goethes "Faust“, die Petra von Kant in Fassbinders "Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ sowie die Martha in Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ Beeindruckend auch ihre Performance im Fernsehen, als sie etwa im letzten Hannoveraner „Tatort“ an der Seite von Maria Furtwängler eine ungelenke, von allen unterschätzte Dorfpolizistin verkörperte. Ihre raue Stimme, die wilden Locken hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Regisseur Volker Schlöndorff, der sie im Jahr 2000 in seinem Film "Die Stille nach dem Schuss“ besetzte, beschrieb sie wie folgt: "So ein schönes deutsches Gesicht – sagte ich, als ich sie einmal durch die Kamera für eine Großaufnahme betrachtete. Aber was meinte ich damit? Ebenmaß, Ernsthaftigkeit, der eher griechisch lange Nacken, das freche Lachen, das innige Lächeln – ist das deutsch? Oder eher die aufrechte, unbeugsame Aufrichtigkeit? Egal, die Kamera liebt dieses Gesicht: Es strahlt.“ 
Lunch mit Bibiana Beglau
Für ihre Darstellung einer Ex-RAF-Terroristin bekam sie damals den Silbernen Bären und den Europäischen Filmpreis. Wir sind zum Lunch in der "Goldenen Bar“ des Münchner Hauses der Kunst verabredet, einem Bistro mit knarrenden Dielen, hoher Decke und legerer Atmosphäre. Es liegt nicht weit entfernt von ihrem derzeitigen Arbeitsplatz, dem Residenztheater. Bibiana Beglau erscheint pünktlich auf die Minute, in schwarzem Mantel, darunter schwarze schmale Hosen mit hohem Bund und weißem Smokinghemd, die Locken hochgebunden, das Gesicht fast ungeschminkt. Sie lächelt, nein, sie strahlt, hat einen festen Händedruck, wirft ihren Mantel über die Sessellehne und nimmt kerzengerade Platz auf dem etwas durchgesessenen Sitzmöbel. "Das ist mein Kunstwohnzimmer“, bemerkt sie gut gelaunt. In den Museumshallen nebenan läuft zurzeit (bis zum 1. Februar 2015) eine große Werkschau von Georg Baselitz, die sie sich im Anschluss an unser Essen anschauen wird. Was denkt sie über den berühmten "Kopfüber“-Maler? "Ich finde es grundsätzlich gut, dass Baselitz die gleichen Themen immer wiederholt. Als er anfing, ist er die ganz archaischen Dinge angegangen: Was ist überhaupt ein Bild? Indem er seine Bilder umgedreht hat, hat er seinem Werk noch mehr Kraft gegeben. Das fand ich spitze.
Bibiana Beglau mit Dorothee schumacher

Bibiana Beglau und Dorothee Schumacher


Als ich ihr zu dem gelungenen "Tatort“ gratuliere, lacht sie und sagt: "Ich habe mich schon ganz gut hochgemeuchelt.“ Seit 2001 ist sie in acht Episoden aufgetreten. Die letzte, "Ein sanfter Tod“, hatte über zehn Millionen Zuschauer. Der "Tatort“ sei ja die Königsklasse des deutschen Fernsehens, sagt Bibiana Beglau. Sie fndet es zwar ein bisschen tragisch, dass nur Tote so viel Aufmerksamkeit bekommen, aber versteht durchaus: "Der 'Tatort‘ ist ein kollektiv erlebter Moment, eine echte Beruhigung, eine Ablenkung von dem ganzen eigenen Quatsch im Leben. Jedes Bundesland ermittelt da so rum, das ist sehr deutsch.“ Wäre sie selbst gern "Tatort“-Kommissarin? "Ja, warum nicht? Wenn das ein tolles Team ist, sehr gern.“ Die Kellnerin nimmt unsere Bestellung auf, einen Garnelensalat für Bibiana Beglau, dazu hätte sie gern noch etwas Hummus mit Brot, für mich eine Pasta mit Chorizo und für uns beide Rhabarberschorle. Man kennt die Schauspielerin hier im Bistro "Goldene Bar“. Als der Wirt vorbeikommt, hält sie einen kurzen Plausch mit ihm. Er entschuldigt sich, dass er uns keinen ruhigeren Tisch geben könne, gerade sei wegen Baselitz extrem viel los hier. 

Obwohl in Braunschweig geboren und aufgewachsen, fällt auf, dass Bibiana Beglau berlinert. Ich frage sie, wie es dazu kam. "Ich hatte mal eine Kinderfreundin aus Berlin, wir haben uns im Italien-Urlaub kennengelernt, die sprach dieses Westberlinerisch. Meine Eltern waren total entsetzt, ich fand das toll.“ Seit einigen Jahren fliegt sie nun zwischen Berlin, Hamburg und München hin und her. Die Schaubühne, das Thalia Theater, das Residenztheater sind die Wirkungsstätten ihrer hochgelobten Auftritte, gerade erst ist sie zur Theaterschauspielerin des Jahres gekürt worden. Ob das Publikum sehr unterschiedlich sei, frage ich. Sie verneint. Generell treffe man in Großstädten auf ein sehr interessiertes, kluges Publikum. Aber auch auf die kleineren Städte lässt sie nichts kommen, da gebe es ebenfalls wahnsinnig tolle Kunstprojekte. "Man ist so hochnäsig“, sagt sie, "der Künstler darf auf dem Land leben, aber sollte bitte schön in der Großstadt arbeiten. Kunst gehört dem Volk“, sagt sie mit Nachdruck. "Die Schauspieler sollen nicht zeigen, wie schlau sie sind und wie viele Bücher sie gelesen haben, sondern darauf aufmerksam machen, wie spannend, traurig, lustig die Geschichte ist, die auf der Bühne erzählt wird. Als Schauspieler muss man vermitteln: Achtung! Jetzt kommt ein wichtiger Moment. Salto mortale ohne Netz!“

Wie es sich für ein Mittagsbistro gehört, kommt das Essen schnell. Die Kellnerin stellt Hummus, Brot, Salat und Pasta gleichzeitig auf den kleinen runden Tisch. Bibiana Beglau bietet mir das Brot an, als ich ablehne, greift sie beherzt in den Korb, reißt die Kruste der Brotscheiben ab und tunkt sie in den Hummus. "Mmh, herrlich, lecker“, sagt sie zufrieden. "Ich hatte noch kein Frühstück.Am Ende unseres Gesprächs wird sie zwei Brotkörbe leer gefuttert haben. Ihrem schmalen, fast schon gestählten Körper scheinen diese Mengen an Kohlehydraten nichts anzuhaben. In einem TV-Interview hat sie mal erzählt, dass sie nie Sport treibe, dass allein die Arbeit auf der Bühne sie fit halte. 
Salto mortale ohne Netz: Bibiana Beglau
Bibiana Beglau Berlinale

Bibiana Beglau auf der Berlinale

Wir kommen auf den Salto mortale zurück. Was fasziniert sie am Mephisto, den sie gerade spielt, welche Botschaft sendet das Stück heute noch ans Publikum? "Man braucht eine große Liebe zu jemandem, wenn man ihn verrät“, sagt sie etwas nebulös und erklärt dann: "Mephisto ist der Verräter in diesem Stück. Wie Judas, der muss es über Jahrtausende aushalten, dass er diese verachtete Position hat.“ Um die Persönlichkeit des Mephisto noch besser zu beschreiben, zitiert sie Ernst Jünger: "'Die Schöpfung begann, indem die Eins sich aufteilte.‘ So entstand also Schwarz – Weiß, Gut – Böse“, erklärt sie. "Gott hat Engel und Teufel geschaffen. Mephisto, der Teufel, will eigentlich nur zurück zu Gott, nachdem er seinem Auftrag, die Menschheit zu vernichten, nachgekommen ist. Weil die Menschheit sich aber vermehrte wie die Kaninchen, hat sich Mephisto als Gehilfen Faust ausgesucht. Denn: Die beste Massenvernichtungswaffe des Menschen ist der Mensch.“ Sie knackt dabei genüsslich und mit den Händen die Schalen der Garnelen auf. 

Literatur wirklich zu begreifen, zu atmen, das habe sie von ihrem Regisseur Frank Castorf gelernt und von ihrer damaligen Schauspiellehrerin Jutta Hofmann, die Worte des Dichters so zu bearbeiten, dass sie einen aktuellen Realitätsbezug haben. Und dann schiebt sie noch hinterher: "Die Inszenierungen finden ja immer im Kontext unserer Zeit, unserer Geschmäcker statt.“ Das Traditionelle dagegen sei immer die Literatur, an der man sich entlang hangele. Natürlich fiele da auf, dass das Frauenbild eines Goethe sehr schmal und dürftig sei, das von Kleist dagegen sehr differenziert, geradezu unfassbar modern, obwohl er ja nun auch vor mehr als 200 Jahren lebte. 
Das Frauenbild von Goethe ist sehr schmal und dürftig, das von Kleist dagegen differenziert.
Bibiana Beglau

Die Kellnerin kommt vorbei und fragt, ob sie abräumen dürfe. "Nein, ich knabber noch ein bisschen an meiner Krabbe rum“, lächelt sie. Und fragt nach mehr Brot. Was sie sonst aus der Zusammenarbeit mit der Regie-Legende Castorf mitnimmt, möchte ich wissen. ""Dass es Konsequenzen hat, wenn man auf der Bühne einen Fehler macht. Man muss sich der Kunst aussetzen, ohne die eigene Eitelkeit in den Vordergrund zu stellen. Das, was ich da oben mache, muss tief empfunden und ehrlich sein. Sonst bin ich eine Knallcharge.Intensiv, extrem, eindringlich – ich fasse zusammen, wie Kritiker sie beschreiben, und frage, ob sie auch gegenüber Familie und Freunden so ist. "Nein! Das ist ja viel zu anstrengend. Aber im Job tut man doch gut daran, alles, was man hat, aufs Tableau zu bringen, nicht sparsam zu sein mit sich selber.“ 

Es ist weniger die Erwartung des Publikums, die sie solche Sätze sagen lässt. Sie glaubt, dass man auf der Bühne auch Murmeln spielen und dann das verehrte Publikum bitten könne, den Schauspielern beim Murmelspielen zuzusehen. "Das würden die, glaube ich, ziemlich lange mitmachen.“ Es ist vielmehr der Anspruch an sich selbst, der sie treibt, alles zu geben. Und die Verantwortung für die "Hunderte von Menschen, die an solchen Theater- oder Filmproduktionen beteiligt sind und die ihre Brötchen mit einem verdienen müssen“. Dass sie auch von der aktuellen Sparwut bei Unternehmen und in der Politik nicht viel hält, bringt sie klar zum Ausdruck: "Jeder Haushalt spart auf Teufel komm raus. Ich frage mich: Hunde, wollen wir ewig leben? Nein, um Gottes willen, neiiiiiiin!“, ruft sie so laut, dass sich die Köpfe an den Nachbartischen zu uns drehen. "Was reitet uns, die Dinge bei uns zu behalten? Warum sind wir so geizig geworden? Man lernt doch schon im Kindergarten, abzugeben. Wenn man das nicht macht, kriegt Anke ganz schön was zu hören. ‚Wie, du willst nicht mit dem Ingo teilen?‘“, mimt sie eine Kindergärtnerin. "Kaum sind wir erwachsen, fangen wir an, zu sparen. Haben wir etwa Angst, dass uns jemand unser Haribo wegisst? Vor was haben wir bloß solche Angst? Verschwenden wir uns doch mal wieder, anstatt zu sparen – für was sparen wir denn?“, fragt sie fast wütend. "'No future‘ – der Slogan der Punks –, das war die Geisteshaltung damals, sich verschwenden, verbrauchen im Jetzt.“ 
Verschwenden wir uns doch mal wieder, anstatt zu sparen – für was sparen wir denn?
Bibiana Beglau

Wofür "verschwendet“ Bibiana Beglau am liebsten ihr Geld, wo genießt sie ihr Leben? "Ich fahr total gern weg“, antwortet sie. "Und ich hab überhaupt nichts gegen Luxus. Wenn ich einen schönen Mantel sehe, freue ich mich, dass ich mir den kaufen kann. Der darf auch teurer sein. Das ist mir dann egal. Ich pfege ihn aber auch, damit er lange lebt.“ Dieses Jahr habe sie aber nur eine Woche Urlaub gehabt, ist in ein Retreat gereist, um dort 80 Seiten Text zu lernen. Mit dem Wort Urlaub hat sie Probleme. "Daran stört mich, dass es so was von einem Befehl hat: ‚Entspann dich!, und zwar gefälligst jetzt!!!‘“, spricht sie im Kasernenhofton und fügt dann wieder mit weicherer Stimme hinzu: "In der industriellen Revolution konnte man das ja verstehen, aber heute und hier?“ Sie findet das Wort "Sommerfrische“ gut. Das sei ihr Konzept von Urlaub – den Wohnsitz dahin zu verlegen, wo es schön ist, wo man aber auch weiter arbeiten könne. Ihre Zeit verbringt sie am liebsten mit Freunden. Die sind ihr sehr wichtig. Als sie damals neu anfing am Residenztheater in München, ist sie gezielt auf die Suche nach neuen Freunden gegangen. "Ich hab mich in Cafés gesetzt, von denen ich wusste, dass da Leute hingehen, die ich vielleicht mögen würde. Man will ja auch abseits vom Job wahrgenommen werden.“ 
Petra Winter im Interview mit Bibiana Beglau
Ihre Familienbande sind nicht besonders eng. Beglaus Eltern leben außerhalb von Deutschland, man sieht sich kaum. Zu ihren Premieren kommen sie selten. Trotzdem fühlt sie natürlich noch die Nabelschnur: "Meine Eltern haben mich in die Welt gesetzt, mich sozialisiert, und man macht ja auch die gleichen Fehler. Ich habe Freunde, die wirklich noch wie in einer Sippe leben, die täglich mit allen Familienmitgliedern telefonieren. Ich glaube, die stehen viel sicherer in der Welt.“ 
Bibiana Beglau Tatort

Bibiana Beglau bei der Tatort Premiere von 'Der sanfte Tod'


Beglaus Look changiert zwischen farbenfroh-feminin und maskulin-cool. Wie sieht sie sich selbst? Ist sie eher der Männer oder Frauentyp? "Ich selbst mache keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Das ist für mich kein Tema, genauso wenig wie das Alter. Entzieht sich meinem Interesse, oder ich hab dafür keine Ader, darum druckse ich gerade auch so rum. Ich habe wahnsinnig viele männliche Freunde. Man würde wohl sagen, ich bin der Kumpeltyp.“ Trotzdem sei sie eine Romantikerin – und philosophiert über die unterschiedlichen Formen der Romantik: von Sex bei Kerzenlicht bis hin zu einer misanthropischen Lebenshaltung. "Das Bild ‚Der Wanderer über dem Nebelmeer‘ von Caspar David Friedrich trift meine Vorstellung von Romantik – wie er da steht mit seinem dämlichen Stock. Der Mensch in der Natur, das ist für mich romantisch.“ Tiefes Glück empfindet sie dann, wenn sie sich in der Natur aufgehoben fühlt. Und wenn ihr jemand tiefes Vertrauen schenkt. 

"Ab einem bestimmten Alter weiß man viel deutlicher, dass Momente glücklich sind, auch weil man weiß, dass sie gleich wieder vorbei sind.“ Empfunden habe sie das im vergangenen Jahr in ihrer Sommerfrische. Da habe sie tagelang an einem Ort auf einem Stein gesessen, mit immer dem gleichen Meer vor Augen, von sieben Uhr morgens bis acht Uhr abends. "Das war groß.“ Zum Schluss, nach zwei Stunden Gespräch, verrät sie noch bei einem Espresso Macchiato, was sie sich für dieses Jahr vornimmt: "Viiiiel lesen!“ Ihre Lieblingsschriftsteller sind der Südamerikaner Roberto Bolaño, der Österreicher J. Clemens Setz und die Deutsche Judith Kuckart. Auf ihrer "To read“-Liste steht aber auch immer noch Donna Tartts "Distelfink“. Entspannung verdient hätte sie allemal: Bibiana Beglau ist neben ihren vielen Theater-Engagements 2015 in zwei Kino- und drei Fernsehfilmen zu sehen. Als Nächstes wird sie neben Devid Striesow und Matthias Matschke die weibliche Hauptrolle in der Verfilmung von Ferdinand Schirachs "Schuld“ spielen (20. Februar, 21.15 Uhr, ZDF).