Argentinien-Tipps für Weltenbummler

Argentinien steht auf der Liste der Weltenbummler ganz weit oben. Wegen Buenos Aires, klar. Wegen des Tangos, der mehr ist als ein Tanz: ein Lebensgefühl. Aber wer den Stolz des Landes, seine Melancholie und seinen Herzschlag spüren möchte, muss die Stadt verlassen und sich der ungezähmten, manchmal sehr einsamen Natur hingeben. Ein paradiesischer Roadtrip.

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Wer nur in Buenos Aires bleibt, verpasset atemberaubende Landschaften

Porteños – die Bewohner von Buenos Aires – bekommen Sternchen in die Augen, wenn sie erfahren, dass man auf dem Weg nach Salta ist. Jedermann schwärmt von "La Linda", der lieblichen Schönen, wie man die Provinzhauptstadt im Noroesten – dem äußersten Nordwesten von Argentinien – zärtlich nennt. Ich weiß inzwischen, warum.

Salta Nur zweieinhalb Flugstunden von der Großstadthektik der Metropole entfernt und rund 500 Jahre nach der Ankunft der spanischen Conquistadores, verfällt man im Handumdrehen dem bezaubernden Charme dieser stillen, schönen Welt. Als gut gehütetes Geheimnis im Noroeste verführt Salta seine Besucher mit einer Art kolonialem Gesamtkunstwerk aus Kirchen und Klöstern, barocken Balkonen und gusseisernen Straßenlaternen. Und drei architektonischen Prachtstücken am Rande der zentralen Plaza Nueve de Julio: dem imposanten Rathaus, der himbeerfarbenen und goldgeschmückten Kirche San Francisco und der kuppelgekrönten Kathedrale in Pfrsichgelb.

Überall duftet es nach Orangen, Jasmin und Geranien. Im Schatten hoher Königspalmen dienen die breiten Bänke der Plaza als zweite Wohnzimmer, Nachrichtenbörsen und Plätze für Verliebte. Großmütter parken Kinderwagen neben den Tischen der Straßencafés, Losverkäufer versprechen Glück, und der Schuhputzer zu Füßen des steinernen Generals geht geschäftig seiner Arbeit nach.



Offensichtlich ist gerade Büroschluss. Junge Männer in Jackett und Krawatte versammeln sich zu einem frisch gezapften argentinischen Bier im Sonnenuntergang, aus der Kathedrale drängt eine fröhliche Hochzeitsgesellschaft ins Freie. Mein argentinischer Reisegefährte Julian und ich sitzen gemütlich in einem der Straßencafés, bestellen Rotwein und Empanadas. Der für den nächsten Tag geplante Ausflug zur Quebrada de Humahuaca, einer gewaltigen Schlucht zwischen Salta und der bolivianischen Grenze, ist erst mal verschoben. Wir wollen uns lieber noch ein paar Tage nach dem Prinzip der Langsamkeit durch die Stadt treiben lassen.

Unserer Gastgeberin Valentina, die aus Italien stammt, ging es ähnlich wie all denen, die mit offenem Herzen durch die Welt reisen und Wurzeln schlagen, wo es ihnen gefällt. In ihrer geschmackvoll gestylten Finca am Rande der Stadt fühlt man sich sofort zu Hause. Verschwindet mit einem Buch in der Hängematte, spielt mit den Hunden, schaut der Köchin beim Brotbacken zu. "Die Argentinier haben sich erst in den letzten Jahren in den Noroeste verliebt", bestätigt Valentina. "Früher waren es nur die Landschaft und eine Fahrt mit dem legendären 'Wolkenzug', der von Salta aus in die Anden bis auf knapp 4200 Meter hinaufklettert. Jetzt wollen sie vor allem in der Stadt sein, interessieren sich für die Architektur, das Archäologische Museum und unsere Küche, die exotischer und würziger ist als in Buenos Aires."

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Der "Tren a las Nubes" im Norden der Stadt Salta.

Ich kann es kaum erwarten, den Wein aus den benachbarten Bergen zu kosten, den Torrontés. Zwei Tage später ist es so weit. Auf dem Weg nach Süden, in Richtung Cafayate, dem Weinanbaugebiet zu Füßen der Anden, folgen wir einer Empfehlung und nehmen die Abzweigung zum Stausee Cabra Corral. Aus der Straße wird nach kurzer Zeit eine Schotterpiste, wie so oft in diesem Teil Argentiniens. Wir haben schon eine Menge Staub geschluckt - Entfernungen misst man hier nicht in Kilometern, sondern in Stunden -, als der kobaltblaue See wie eine Fata Morgana vor uns auftaucht. Und dann - in the middle of nowhere - ein bescheidenes, aber charmantes Gasthaus mit einer kleinen Terrasse und einem freundlichen jungen Wirts-Ehepaar, das fürstlich auftischt: fangfrische Pacú-Filets aus dem See, eine würzige Lama-Pastete, einen Tomatensalat, der noch nach Tomaten schmeckt, und dazu eine Flasche eisgekühlten duftigen Torrontés. Man sagt, dieser goldfarbene Weißwein schmecke süß. Ich empfinde seine Lieblichkeit als eher herb und absolut köstlich zum feinen Geschmack des Fischs.

Ruta Cuarenta
Eine Stunde später sind wir zurück auf der legendären Ruta Cuarenta, der argentinischen Antwort auf die Route 66. Auf der Gesamtstrecke - von der Grenze zu Bolivien im Norden bis zum Cabo Virgenes, dem letzten Zipfel Patagoniens vor dem ewigen Eis der Antarktis- überquert sie auf 2.700 Kilometern Asphalt und 2.300 Kilometern Schotterpiste 18 Flüsse und 236 Brücken. Nach einer Kaffeepause in Chicoana, einem für seine stolzen Gauchos und traditionellen Pferdeschauen bekannten Örtchen, erreichen wir abends Cachi. Und erfahren, dass wir unsere Route ändern müssen. Starke Regenfälle haben vor ein paar Tagen die einzige Brücke zur Finca Colomé zerstört und den Fluss so anschwellen lassen, dass es unmöglich ist, mit dem Wagen das andere Ufer zu erreichen.

Der Schweizer Wein-Connaisseur Donald Hess hatte schon Mut, als er sich vor zehn Jahren entschloss, in dieser von allen guten Geistern verlassenen Gegend eines der ältesten Weingüter des Landes, eben die Finca Colomé, wieder zum Leben zu erwecken. Dass sie auf über 3.000 Metern über dem Meeresspiegel liegt, war und ist eine weitere Herausforderung. Der Herr über Weingüter in Kalifornien, Südafrika und Australien ließ es sich nicht nehmen, außer Hunderten Hektar Weinreben und einem Gästehaus mit neun Zimmern dem Künstler James Turrell an diesem Ende der Welt ein privates, kleines Museum zu widmen. Schade, dass wir auf ein Treffen mit Donald Hess verzichten müssen. Der Abenteurer und Visionär hätte sicher viel zu erzählen gehabt.

Wir verbringen 30 Meilen südlich von Cachi die Nacht in der "Hacienda de Molinos". Während sich das Dorf, das immer noch ohne Strom auskommt, am Abend in Dunkel hüllt, springt in dem gemütlichen Gästehaus neben der alten Getreidemühle ein Generator an. Wir genießen unsere Lammkeulen mit Rosmarin und Rotwein dennoch ganz romantisch bei Kerzenlicht.

Cafayate

Wie erwartet, offenbart sich die Weiterfahrt nach Cafayate, zu unserem letzten Stopp am Rande der Cuarenta, als überwältigendes Naturereignis. Haushohe Kandelaber-Kakteen, die sich wie stachelige Teppiche in den Calchaquí-Tälern ausbreiten, wechseln mit bizarren Sandsteinformationen in Rost- und Ockerfarben, deren schwindelerregende Felsnasen mich an Arizona erinnern. Dass es bis Cafayate nicht mehr weit sein kann, erkennen wir zwei Stunden später an Tausenden von Weinstöcken, die sich wie ein dicker grüner Pelz um die Hügel schlingen. Durch den Boom der Weinindustrie hat sich das 8.500-Einwohner-Städtchen zu einem attraktiven Urlaubsziel der Argentinier entwickelt. Vor allem in den Schulferien ist hier jede Menge los, während das Leben am Rande der Plaza und links und rechts der staubigen Straßen, die zu den benachbarten Fincas und Estancias führen, den Rest des Jahres seinen gewohnten ruhigen Gang geht.

Einer von diesen wunderbaren Orten am Rande der Welt, wo man Starbucks wahrscheinlich für eine Heuschreckensorte hält. Wir haben uns in den urigen Zimmern des Weinguts "Viñas de Cafayate" einquartiert, probieren die feinsten Tropfen, werden zu echten Torrontés-Kennern, essen die tollsten Steaks unseres Lebens ... Kein Wunder, dass Genuss-Traveller den Ort auch schon entdeckt haben. Ihre Lieblingsadresse: das stilvolle Boutiquehotel "Patios de Cafayate", dessen wunderschöner, von idyllischen Innenhöfen gespickter Garten nahtlos in die hoteleigenen Weinberge übergeht.

Argentinischer Wein
Zurück in Salta, nehmen wir das Flugzeug nach Mendoza. Nach den vielen kleinen Weingütern des Nordens sind wir jetzt mitten im Herzen des berühmten argentinischen Weinanbaugebiets. Die sandigen Böden und das tropische Klima dieser Region bieten die besten Voraussetzungen für die von französischen Winzern Mitte des 19. Jahrhunderts eingeführte Rebsorte Malbec.

Heute werden auf einer Fläche von rund 35.000 Hektar drei Viertel des argentinischen Malbec angebaut. Erfahrene Winzer aus dem Bordeaux, unter ihnen auch die Barone Rothschild, trugen in den letzten Jahren dazu bei, den internationalen Ruf des Malbec zu stabilisieren. Ein für Argentinien recht hohes Preisniveau spricht für seine Qualität.

Egal, ob man das elegante, direkt an der zentralen Plaza Independencia platzierte "Park Hyatt Mendoza" als Basis wählt oder das familiengeführte, in Weingärten - mit Blick auf die verschneiten Gipfel der Anden - versteckte Boutiquehotel "Entre Cielos": Da wie dort kann man sich Weintouren organisieren lassen - per Fahrrad, auf dem Rücken eines Pferdes oder im Auto mit Chauffeur. Das Beste von allem, was das Land kulinarisch zu bieten hat, landet früher oder später in den Speisekammern und Vinotheken der Kochelite von Buenos Aires.



Mate
Neben saftigen Steaks und vollmundigen Weinen hat der Argentinier allerdings noch eine andere kulinarische Leidenschaft: das Nationalgetränk Mate. Böse Zungen verspotten es als seltsamen Aufguss von Heu und heißem Wasser. Die Argentinier handeln ihre Lieferanten-Adressen wie Gold, empfinden den bitteren Kräutertee als Lebenselixier, beschenken ihre besten Freunde mit kostbaren Mate-Bechern inklusive Strohhalmen aus Edelmetall. Mir schmeckt dieses Gebräu nicht – ungeachtet seines stimulierenden Effekts.

Buenos Aires Auf mich hat die Stadt Buenos Aires eine berauschende Wirkung. Jedes Mal, wenn ich dort bin, muss ich fast zwanghaft alle Orte wieder aufsuchen, die sich im Laufe der Jahre tief in mein Herz gegraben haben. Wie die schummrigen Milongas der Vorstadt, etwa die Bar "Catedral" oder die nostalgisch-verstaubte "Conftería Ideal", wo sich Alt und Jung selbstvergessen dem Tango hingeben.

Wie die traditionellen Steakhäuser, wo sich normale Abendessen in lautstarke, lustvolle Gelage verwandeln. In Buenos Aires galt schon immer das Prinzip "lieber klotzen statt kleckern". Zu ihren Glanzzeiten – von Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die 1930er-Jahre – gab sich die Stadt extrem verschwenderisch. Die Porteños wollten um alles in der Welt so sein wie die Europäer und diese möglichst noch übertrumpfen.

Ein gutes Beispiel ist das im italienischen Renaissance-Stil erbaute "Teatro Colón" mit 3500 mit rotem Samt überzogenen Stühlen und einem 2500 Kilo schweren Kristalllüster. Oder die Prachtstraße Avenida 9 de Julio: 140 Meter breit, von Alleen gesäumt und in ihrer Mitte 20 Fahrstreifen. Zur 400-Jahr-Feier der Stadt wurde sie 1936 mit einem 67 Meter hohen Obelisken verschönert. Oder die ursprünglich von den reichsten Familien des Landes gegründeten 135 Country-Clubs. Manche Mitglieder wohnen hier, zumindest zeitweise. Andere kommen vor allem zum Segeln, Golfen, Rugby oder Polo. Ihre Wochenenden verbringen sie auf Zweitwohnsitzen an den Nobelstränden von Punta del Este.

Pampa
Oder in der Pampa, dem tellerfachen, endlosen Land der Rinderbarone – etwa eine Autostunde von Buenos Aires entfernt. Zwischen staubigen Dörfern und kleinen Bauernhöfen führt eine private Auffahrtsallee nach "El Rocio". Ähnlich wie rund 100 feudale Herrenhäuser im ganzen Land, werden seit ein paar Jahren auch hier zahlende Gäste empfangen. Man kann am Pool dösen, sich in der Bibliothek vergraben, mit den Gauchos ausreiten oder auch Polounterricht nehmen.

Ich habe das Glück, im schönsten von fünf Zimmern, der Las-Rosas-Suite, bei prasselndem Kaminfeuer in einer Badewanne mit blauen Füßen zu entspannen und von neuen Abenteuern zu träumen.  


Christine von Pahlen