Lunch mit ... Andreas Mühe

Im Berliner Bistro 3 minutes sur mer plauden wir mit dem Fotokünstler bei Fischsuppe, Muscheln und Chablis über seine berühmte Familie, die Macht seiner Bilder und den Reiz einer Wegwerfkamera. MADAME-Chefredakteurin Petra Winter im Gespräch mit Andreas Mühe

Video: Ein Tag mit Andreas Mühe
Auf die Minute pünktlich erscheint Andreas Mühe, 35, lächelt, verteilt Küsschen rechts, Küsschen links, kratzt sich sympathisch verlegen an seiner dunkelblauen Wollmütze, die er während des ganzen Lunchs aufbehalten wird. Wir kennen uns von ein paar Events und Ausstellungen. Zuletzt gesehen haben wir uns vor einigen Monaten in Hamburg, als er mit ein paar Freunden die Nacht durchstreifte und die Auszeichnung Lead Award für die beste Fotografie-Serie des Jahres 2014 feierte. Noch im Hinsetzen sind wir im Gespräch.

Er kommt gerade zurück aus einem Skiurlaub im Erzgebirge. Mit seiner Frau Betty und den drei Töchtern. „Zu DDR-Zeiten sollte es das St. Moritz des Ostens werden – was natürlich lächerlich ist“, erzählt er. „Aber es gibt dort ein tolles Hotel, die ‚Sachsenbaude‘, da sind wir auch heute noch gern mit den Kindern.“

Wir bestellen von der Tageskarte, als Vorspeise eine Fischsuppe, dann Miesmuscheln mit Baguette, dazu eine Flasche Chablis und Badoit. Das „3 minutes sur mer“ im Stadtteil Mitte ist ein sehr angenehmer Laden, ein bisschen trubelig, aber nicht zu sehr, die Kellner sind professionell und nett, ohne schnoddrig zu sein. Von hier aus startet der Fotograf gern in die Berliner Nacht.

Über das Skifahren („Als ich ein Kind war, durfte mein Vater nur Langlauf machen wegen der Dreh-Versicherungen.“) landet unsere Unterhaltung schnell bei Ulrich Mühe, dem Übervater, der die Familie früh verließ und danach noch zweimal heiratete. Die Bilanz: drei Frauen und fünf Kinder, von denen eines schon in die Fußstapfen des Vaters getreten ist, die Schauspielerin Anna Maria Mühe. Wie hat ihn sein Vater geprägt? „Sehr. Vor allem die letzten zehn Jahre seines Lebens. Ich war 27 Jahre alt, als er starb, bis dahin hatten wir eine sehr schöne Zeit gehabt.“ Als der Vater 2007 in L. A. war, um den Oscar für den besten fremdsprachigen Film „Das Leben der Anderen“ abzuholen, begleitete ihn Andreas Mühe und fotografierte den großen Moment.
andreas mühe

Geboren ist Andreas Mühe in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz. Als seine Mutter Dramaturgin an der Berliner Volksbühne wird, bleibt er erst einmal beim Vater. Beim Umzug nach Berlin-Schöneweide kommt der Vater schon nicht mehr mit. Wegen des Berufs der Mutter zieht die Familie ständig um: Berlin, Brandenburg an der Havel, Hamburg. Die Konstanten: der Großvater, die Tante und der Onkel, die auf einem Bauernhof in der Uckermark leben, wo Andreas und sein Bruder die Ferien verbringen.


Als die Mutter Mitte der 90er Dramaturgin in Stralsund wird, reicht es Andreas und Konrad. Sie bleiben mit der Kinderfrau im gerade wiedervereinigten Berlin. Irgendwann setzen sie sie vor die Tür und leben auf sich gestellt, da ist Andreas 15, Konrad 13 Jahre alt. „Konrad ist Künstler geworden, er macht Installationen, hat auch mal einen Film über unseren Vater gemacht und gerade das Karl-Schmidt-Rottluf-Stipendium erhalten.“ Der Kurzfilm „Fragen an meinen Vater“ erhielt auf der Berlinale 2011 eine lobende Erwähnung der Jury. Als der Chablis eingeschenkt ist, prostet er mir zu und fängt an, entspannt seine Fischsuppe zu löffeln.
Ich hab es gehasst. Das Theater war der Ort, wo ich immer nur auf meine Eltern gewartet habe.
Andreas Mühe

Bekannt geworden ist Andreas Mühe schon in sehr jungen Jahren. Für Zeitungen und Magazine porträtierte er Menschen mit Macht: Helmut Kohl, George Bush, Angela Merkel. Er entwickelte sehr schnell eine eigene Handschrift. Die Menschen auf seinen Bildern wirken immer einsam, isoliert, allein gelassen. Macht Macht einsam? „Spitzenpositionen ja“, sagt er. Hat er das am Beispiel seiner Eltern erlebt? „Auf dem Niveau Theater, Fernsehen und Kino zu machen wie mein Vater, das gab es in der Generation in Deutschland nur einmal. Da wird es immer schwieriger, Menschen zu fnden, mit denen man sich austauschen kann. Auch für diejenigen, die Regie führen oder Theater leiten, wie meine Mutter.“ War für ihn Schauspielerei eine Option? „Ich habe es gehasst. Das Theater war der Ort, wo ich immer nur auf meine Eltern gewartet habe. Andererseits kam da natürlich Leidenschaft rüber, für den Beruf, und das ist ein großes Glück.“


Fotograf also wollte er werden, macht mit 16 Jahren eine Ausbildung zum Fotolaboranten, assistiert dann zwei Fotografen. In der blühenden Magazinlandschaft der Postwendejahre hat er schnell gute Auftraggeber. Doch neben diesen Jobs sucht sich Andreas Mühe früh eigene Themen, macht eine Reihe über die Schreibtische der Macht, fotografiert etwa die Arbeitszimmer von Konrad Adenauer und Helmut Schmidt. Seine Handschrift, eine kühle Ästhetik mit einem Schuss Melancholie, wird schnell sichtbar. Mit dem Zyklus „Obersalzberg“ feiert er seinen Durchbruch, bekommt Einzelausstellungen in Museen und Galerien.

Über drei Jahre, zwischen 2010 und 2013, arbeitet er dort, in der Berchtesgadener Bergwelt, wo Hitler sich von seinem Haus-und-Hof-Kameramann Walter Frentz inszenieren ließ und die Bergwelt so zum festen Bestandteil der NS-Ikonografe machte.
Frentzens Bilder sind der Ausgangspunkt für Mühes Werk, das sich mit der Ästhetik des Größenwahns befasst. „Walter Frentz ist der Erste, der politische Macht so privat dargestellt hat. Alle anderen Inszenierungen von Politikern als Privatpersonen, JFK und Co., kamen erst danach“, erzählt Mühe. Ist er der Walter Frentz dieses Jahrhunderts? „Natürlich nicht. Ich zeige Macht in humoristischer Form.“ Und so steht da auf seinen Fotografen auch mal ein nackter oder ein pinkelnder Nazi.

Die aus Leipzig stammende Autorin Jana Hensel („Zonenkinder“) ordnet Mühes Werk so ein: „Im Windschatten des Jahres 1989 haben wir unseren Glauben verloren, an alles und jeden. Und ein Misstrauen gegenüber Autoritäten gewonnen. (...) Mühes kalte Ästhetik: Sie entstammt für mich aus der Abgefucktheit dieser Jugendtage. Die Abgebrühtheit und Coolness haben wir uns damals zugelegt, um nicht unter die Räder zu kommen. (...) Mühes Klarheit, sein Sinn für Struktur: Hier fndet sich eine Antwort auf seine Suche nach Ordnung, nach Übersicht.“


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Der Fotograf hat zum Lunch seinen Bildband „Obersalzberg“ (Distanz Verlag) mitgebracht. Wir blättern darin und bleiben bei der Aufnahme „Terrasse des Berghofs 44“ hängen, eine Ansammlung von gedeckten Tischen und Stühlen, fotografiert in einem leeren Studio, ein Lichtkegel fällt auf die Gruppierung – wie auf einer Theaterbühne. Die Ästhetik seiner Kindheit, in der er unzählige Stunden im Zuschauerraum auf seine Mutter wartete. Er erklärt das Motiv so: „Der ursprünglichste Sonntagsgedanke ist, bei Muttern zu sitzen, Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen. Bilder aus dieser Zeit propagieren dieses Idyll. Man sitzt zusammen in der Sonne, ringsherum die Erhabenheit der Berge.“
Nur dass seine Aufnahme nichts Herzliches oder Kitschiges hat, sondern unbeweglich, entleert und wie eingefroren wirkt. Wird hier die Distanz des Urhebers zu solchen Szenen sichtbar, eines Menschen, der als Teenager erlebte, dass Sichergeglaubtes, ganze Systeme zerbröseln?

Mühe selbst fndet, dass seine Generation Ost politischer geprägt ist als die Generation West. „Ich war noch vier Jahre bei den Pionieren. Unsere Themen sind politischer. Im
Westen ist meine Generation die Erbengeneration, das kann die Menschen langweilig und schlaff machen. Wir waren und sind hungriger.“
Macht es ihn ein bisschen stolz, dass er es so jung so weit nach oben geschaft hat? Er wirkt skeptisch. „Ich würde nicht mal behaupten, dass ‚Obersalzberg‘ Kunst ist, für mich ist es ein gutes Projekt.“ Dass Galerien und Museen seine Bilder zeigen, ja, das mache ihn schon glücklich, aber Kunst, die um ihrer selbst willen inszeniert wird, könne er nicht ausstehen. „Es gibt so Typen, die haben zu viel Geld und machen dann Galerien auf oder sammeln Kunst, um einen intelligenteren Eindruck zu machen. Das fnde ich gruselig.“ Er löst das Fleisch aus dem Berg Miesmuscheln auf seinem Teller, tunkt das Baguette ein. Seine Gedanken werden unterbrochen, als er bemerkt, dass gerade Regisseur Oskar Röhler am Fenster des Restaurants vorbeiläuft.

Vor Kurzem war er auf Rügen und in der sächsischen Schweiz: „Ich plane eine neue Geschichte. Nach ‚Obersalzberg‘ will ich mal unpolitische Landschaft fotografieren. Das Thema der Serie erzählt vom Handeln und der daraus folgenden Schuld. Der Mensch existiert, also handelt er, lädt damit unweigerlich Schuld auf sich.“
Das erste Mal inszeniert er sich selbst vor der Kamera. „Ich steh da nackend in der Landschaft, in Haltung und Onanie, einer Reiseroute folgend: Rügen, Erzgebirge, Berchtesgaden, Schwarzwald – Orte, die mich als Kind und in den letzten 30 Jahren geprägt haben.“ Dafür hat er hart trainiert, ist bei einer Körpergröße von 1,78 Meter von über 80 auf 73 Kilogramm runter. Wie hat er das geschaft? „Brot weglassen und laufen gehen.“ Außerdem kommt zweimal die Woche ein Personal Trainer in die Ateliergemeinschaft, ein Fabrikgebäude in Berlin-Pankow, das er zusammen mit ein paar anderen Künstlern gemietet hat, Musiker einer berühmten Band, deren Namen er lieber nicht nennen möchte.

Wie ein Bühnenbildner baut er auch für die neue Serie jedes Bild auf, sein Assistent löst
aus. Er ist einer der wenigen Fotografen, die noch analog fotografieren, mit einer Großbildkamera. „Die Großbildtechnik zwingt mich zu einer permanenten Konzentration aufs Wesentliche.“

Auf dem Tisch vor ihm liegt ein altes Samsung-Handy, mit dem man telefonieren und simsen kann, mehr nicht. Warum kein Smartphone? „Das war meine Rettung. Vor vier Jahren, nach meiner Ausstellung, habe ich meinen Blackberry abgeschaft, seitdem
geht es mir besser. Da ist so viel auf mich eingeprasselt.“
Einen Facebook-Auftritt hat er aber schon. Wie befüllt er da ohne ein Smartphone News und Bilder? „Das erledigen Leute in meinem Atelier für mich. Facebook ist ein guter Weg, um Menschen zu entertainen.“
Eine ganze Generation wird ihre Bilder verlieren, weil die wenigsten ihre Handy-Fotos ordentlich speichern.
Andreas Mühe

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Der Kellner räumt die leeren Teller ab, fragt nach weiteren Wünschen. Mühe hat Zeit. Wir bestellen jeder noch einen Rosé und doppelten Espresso. Weil es gerade anfängt, in Strömen zu gießen, bietet er an, mich nachher zum Flughafen zu fahren. Wir bleiben noch ein wenig bei Social Media und Co.

Mich interessiert, wie er seine Familie fotografiert. Schließlich ist eine Großbildkamera ein wenig umständlich. „Ich nehme unser privates Leben mit einer Kleinbildkamera auf. Und weil die gerade kaputt ist, mit einer Wegwerfkamera.“ Wie bitte? Ist die Qualität da nicht unterirdisch? „Im Gegenteil, jedes Foto sieht aus wie mit einem glättenden Filter darüber.“ Aber eigentlich gehe es ihm darum, dass er einen Film hat, nichts wegschmeißt, sondern
erst aussucht, wenn die Fotos entwickelt sind. „Dadurch macht man überlegtere Bilder“, sagt er. 
Seiner Frau schenkt er jedes Jahr drei Fotoalben: „Das ist doch das Einzige, was von unserem Alltag übrig bleibt und was die Zeit zusammenhält. Da nehme ich mir dann die Fotokisten vor, bestelle Fotoalben und Kleber und kleb die richtig ein.“ Er befürchtet, dass unsere Generation irgendwann alle Bilder verlieren wird, weil die meisten ihre Handy-Fotos nicht ordentlich speichern. Mühe, der Chronist unserer Zeit, mit einem Bein in der Vergangenheit, mit dem anderen in der Zukunft? Ja, das, was er als Nächstes plant, ist noch geheim, hat aber mit Familie zu tun.

Danach wird er mit seiner Familie, mit Betty und den Töchtern, für ein Jahr nach New York reisen, sich inspirieren lassen. Er will dort nicht arbeiten, einfach nur leben. Vielleicht wird es dann nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft sein, die wir in seinen Fotografien sehen werden. Vor der Tür raucht er noch eine Zigarette, als wir auf mein Taxi warten. Das mit dem Zum-Flughafen-Bringen konnte ich ihm ausreden. Berlin ist groß. Er hält mir die Tür auf, verabschiedet sich charmant und verschwindet dann im Berliner Januar-Grau.

Ausstellung: Andreas Mühes Bilder-Zyklus „Obersalzberg“ ist in der Reihe „Memory Lab – Photography challenges History“ vom 7. März bis 31. Mai 2015 im Museum für zeitgenössische Kunst in Luxemburg (Mudam) zu sehen.