Äolische Inseln: Die Inseln des Windes

Stromboli, Lipari und ihre Schwestern: Die Äolischen Inseln – ein verschlafener Archipel vor der Nordküste Siziliens – haben alles, was wir an Italien so lieben.

Äolische Inseln: Die Inseln des Windes

Der malerische Hafen Marina Corta auf Lipari.

Stromboli hat einen besonderen Platz in meinem Herzen. Es ist seit vielen Jahren mein ganz persönliches Shangri-La. Ein Ort, an den ich mich jederzeit hinträumen kann. Kaum zu glauben, wie wenig sich die Insel verändert hat, seit ich vor Jahren an einem sonnigen Septembertag dort das erste Mal an Land ging.

Zu jener Zeit verkehrte der Seelenverkäufer „Lipari“ während der Sommermonate zwischen Neapel und den Äolischen Inseln. Nachdem die sprichwörtliche rote Sonne im Vorbeifahren über Capri untergegangen war, lag nichts mehr zwischen dem Golf von Neapel und dem circa 50 Kilometer nördlich von Sizilien im Tyrrhenischen Meer schwimmenden Archipel.
Äolische Inseln Geschichte
Es reicht zu wissen, dass er vor 500 000 Jahren noch nicht dort war. Überfüssig, sich zu merken, in welcher Reihenfolge der tief unter dem Meeresspiegel ruhende vulkanische Gebirgszug die sieben großen und kleinen Schwestern an die Oberfäche spuckte. Sicher ist, dass der Strombolicchio, ein winziger, in Sichtweite von Stromboli steil aufragender Felsen, als Erstes zu sehen war.

Wissenschaftler sind sich einig, dass die Inseln seit der Bronzezeit besiedelt wurden, also seit circa 2000 v. Chr. Wenn es um die Geschichte meiner Lieblingsinsel geht, halte ich es lieber mit der griechischen Mythologie: Danach wohnte Äolos, der Gott der Winde, in einem Schloss auf Stromboli und gewährte dem herumirrenden Odysseus nicht nur Unterschlupf, sondern gab ihm auch noch einen Riesensack voller Wind für die Heimreise mit. Glaubt man Homer, so vermuteten die Gefährten des Weltreisenden Gold und Silber in dem Beutel. Als sie nachschauten, entlud der Wind wütend seine ungeheure Kraft, sodass Odysseus abermals die Orientierung verlor.

Äolos ist bis heute auf den nach ihm benannten Inseln aktiv, und es kommt mindestens einmal pro Jahr vor, dass sie vollkommen von der Welt abgeschnitten sind. Als Erstes stellen die Aliscaf, die Tragfügelboote, ihren Verkehr ein, und sogar die großen Fährschiffe müssen schließlich passen. Beruhigt sich das Wetter und nähert sich der strombolanischen Küste ein Schiff, so wiederholt sich das immer gleiche Ritual: Mario, dessen mächtiger Lockenkopf über die Jahre grau geworden ist, fängt die Leinen auf, während die große Landeklappe herabsinkt und sich ein buntes Gemisch aus schwer beladenen Kleinlastern, Touristen und Bewohnern der Nachbarinseln auf die kleine Mole ergießt.

stromboli

Die weißen Häuser von Stromboli.

Wann immer ich eine von ihnen bin, klopft mein Herz vor Vorfreude. Ich entdecke Italo, der neben der dreirädrigen Ape auf Kunden wartet, deren Gepäck er in die wenigen Inselhotels bringen soll. Ich begrüße den barfüßigen kurzbeinigen Fischer, den sie Wikinger nennen und der um diese Stunde seinen in den letzten Jahren immer bescheidener gewordenen Fang an Land bringt. Auf dem Weg zu meinen Freunden muss ich nur eine Entscheidung treffen: Gehe ich am Meer entlang, oder nehme ich die einzige andere Straße, die am Hügel entlang durchs Dorf führt?
Stromboli
Vorbei an ein paar schlichten Bars und Boutiquen und an dem himbeerroten Haus, in dem Ingrid Bergman und Roberto Rossellini Quartier bezogen, als sie den dramatischen Schwarz-Weiß-Film „Stromboli“ (1950) drehten – und sich unsterblich verliebten, ihre Familien verließen, um gemeinsam eine neue zu gründen. Die Welt war entrüstet, und Stromboli sonnte sich im Ruf eines magischen, geheimnisvollen Ortes.

Die heute überwiegend weiß gekalkten würfelförmigen Häuser trugen damals noch das natürliche Grauschwarz des Lavagesteins, aus dem sie gebaut sind. Trotz des aufkommenden Tourismus gab es bis in die späten 1970er-Jahre keinen Strom und – wie mit Ausnahme von Salina auf allen Äolischen Inseln üblich – ausschließlich in Zisternen gesammeltes Regenwasser. Obwohl es längst Leitungen gibt, die mehrmals pro Woche durch Wasserschiffe gespeist werden, gilt das nasse Element als äußerst kostbar und wird nicht verschwendet. Das gilt auch für Strom.
Vulkan
Zur Belohnung wird man mit einem funkelnden Sternenhimmel verwöhnt und hat vor allem nachts deutlich mehr davon, wenn der Vulkan circa alle 15 Minuten dem Druck aus dem Erdinneren nachgibt und feuerrote Lava in die Höhe schießt. Ein unbeschreibliches Feuerwerk! Der Stromboli ist der einzige Vulkan in Europa, der regelmäßig ausbricht. Dass auch der Gran Cratere auf Vulcano nicht vollkommen erloschen ist, beweisen nebelähnliche Fumerolen, die aus der heißen Asche aufsteigen, und warme, übel riechende Schwefelquellen, von deren schieferfarbenem Schlamm man sich eine heilende Wirkung verspricht.
Lipari
Während Vulcano einen eher spröden Charme verbreitet und vielen Sommertouristen bloß einen Tagesausfug wert ist, entpuppt sich das nur eine kurze Bootsfahrt entfernte Lipari als Musterbeispiel einer lieblichen italienischen Ferieninsel. Im Schatten des mächtigen Burgbergs drängen sich pastellfarbene, von Palmenkronen überragte Häuser um die Marina Corta. Seit die Schiffsanlegestelle ein paar Hundert Meter weiter verlegt wurde, gleicht der am Abend von altmodischen Laternen sparsam beleuchtete Hafen einer Theaterkulisse.

Dass die Äolischen Inseln im Laufe der Geschichte von Göttern und Helden heimgesucht, von Piraten und Belagerern besiedelt, geplündert und zerstört wurden, erfährt man bei einem Besuch des Archäologischen Museums auf Lipari. Von insgesamt rund 15 000 Menschen auf allen sieben Inseln wohnen etwa 8000 auf Lipari. Nur hier gibt es ganzjährig ein reges Treiben, während die anderen Inseln am Ende der Saison in Winterschlaf fallen. Ähnlich wie Lipari kann man auch Salina auf einer asphaltierten Straße umrunden. Alle anderen Inseln sind – bis auf Mofas und Motorroller – verkehrsfrei.

Während sogar das winzige Filicudi unter Tauchern bekannt ist und das von einer Handvoll Menschen und Maultieren bewohnte Alicudi unter Zivilisationsmüden einen Namen hat, blüht Salinas Schönheit eher im Verborgenen. Selbst die Dreharbeiten von „Der Postmann“ – fast besser bekannt unter dem Originaltitel „Il Postino“ –, die 1995 kurze Zeit für Unruhe sorgten, oder der Besuch von Sean Connery, der für eine Granita, diesen eiskalten Mix aus gefrorenem Kaffee oder Limonensaft mit Zucker, vor der Insel Anker warf, konnten das nicht ändern. Und auch nicht, dass die UNESCO den Archipel zum Weltnaturerbe erklärte.
Panarea
Die Insulaner und wenige treue Besucher wissen zu schätzen, dass das Leben in den grünen
panarea

Von der Insel Panarea hat man einen wunderschönen Blick auf Stromboli.

Tälern zwischen den erloschenen Zwillingsvulkanen seinen gewohnten Gang geht. Wer mehr Abwechslung sucht, amüsiert sich im Sommer auf der Party- und Promi-Insel Panarea. Sie ist die kleinste und feinste, mit schicken Villen gespickte Schwester von Lipari. Und wer seinen Inselurlaub vor dem Abflug von Catania noch für ein paar Tage im benachbarten Bilderbuchort Taormina verlängert, begegnet dort bekannten Gesichtern auf der Terrasse des „Grand Hotel Timeo“, wo sich bereits D. H. Lawrence mit Freunden traf.

Heute mieten die Modemacher Domenico Dolce und Stefano Gabbana schon mal das Hotel „Villa Sant’Andrea“, um ihre Kollektionen fotografieren zu lassen. Und um zu feiern. Zum Relaxen ziehen sie sich in ihr Haus nach Stromboli zurück. Da sehe ich sie manchmal im Lokal meines Freundes Franco „Zurro“ Utano. Ohne große Entourage und glücklich über das Sternengefunkel über der Terrasse, das ferne Rumpeln des Vulkans und Francos legendäre Pietri Neri, mit Kapern und süßen Kirschtomaten garnierte und mit Tintenfsch schwarz gefärbte Pasta.

Christine von Pahlen